DOI 10.1515/hzhz-2016-0459 621 Aufsätze Herrschaft und Bekenntnis Überlegungen zur imperialen Normierung des christlichen Glaubens in der Spätantike von Wolfram Kinzig I. Einleitende Bemerkungen Wer als Kirchenhistoriker danach fragt, inwiefern die unterschiedlichen literari- schen Gattungen, in denen die Christen ihren Glauben in der Antike zum Ausdruck gebracht haben, also vor allem die Bekenntnisse (in altkirchlicher Terminologie: Symbole) und ihre zahlreichen Auslegungen, bestimmten kirchenpolitischen Situ- ationen entsprungen sind oder auf diese zurückgewirkt haben, der stellt zu seinem Erstaunen fest, dass in der bisherigen Forschung sowohl von theologischer wie von historischer Seite eine Reihe von Texten weitgehend unberücksichtigt geblieben ist. Dabei handelt es sich um spätantike kaiserliche Gesetze und gesetzesähnliche Do- kumente 1 , deren Veröffentlichung – nach einer mit Konstantin beginnenden Vor- geschichte – unter Theodosius dem Großen einsetzt und die, gattungsgeschichtlich gesehen, spätestens mit Justinian die Form von ausgewachsenen, ja man könnte fast 1 Zur unscharfen Nomenklatur der Rechtsetzungsformen vgl. Tony Honoré, Law in the Crisis of Empire 379–455 AD. The Theodosian Dynasty and Its Quaestors. Oxford 1998, 37f., 127–132, 136, 161, 209f., 249f., 264f.; Jill Harries, Law and Empire in Late Antiquity. Cambridge 1999, 20f., 24f., 36f.; Franz Wieacker, Römi- sche Rechtsgeschichte. Zweiter Abschnitt: Die Jurisprudenz vom frühen Prinzipat bis zum Ausgang der Antike im Weströmischen Reich und die oströmische Rechtswissenschaft bis zur justinianischen Gesetz- gebung. Hrsg. v. Joseph Georg Wolf. (Handbuch der Altertumswissenschaft, Bd. X 3/1; Rechtsgeschichte des Altertums, Bd. 3/1.) München 2006, 192f. Angemeldet | kinzig@uni-bonn.de Autorenexemplar Heruntergeladen am | 19.12.16 08:18