Originalien
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Der Hautarzt 1•2002 22
Zusammenfassung
Hintergrund und Fragestellung. Vor Ein-
führung neuer Therapieverfahren wird der
Nachweis der Wirksamkeit durch klinische
Studien gefordert. Außerdem stellt sich die
Frage, inwieweit unter Studienbedingungen
nachgewiesene Therapieerfolge in der tägli-
chen Praxis erreichbar sind.
Patienten/Methodik. Im Rahmen des Erpro-
bungsmodells ambulante synchrone Balneo-
phototherapie wurde der Effektivitätsverlust
zwischen „klinischer Studie“ und „täglicher Pra-
xis“ festgestellt: Für den in einer „klinischen
Studie“ erreichbaren Therapieerfolg wurden
alle Patienten ohne Protokollfehler analysiert
und als Modell für die „tägliche Praxis“ alle Pa-
tienten mit mindestens einer Behandlung.
Ergebnisse. In der „täglichen Praxis“ zeigte
sich ein Effektivitätsverlust von 14,2%.
Hauptursachen waren Durchführung von
weniger als 3 Behandlungen pro Woche so-
wie vorzeitige Studienbeendigung.
Schlussfolgerungen. Erstmals konnte anhand
einer repräsentativen Anzahl von Patienten
der Effektivitätsverlust eines Behandlungsver-
fahrens zwischen „Theorie“ und „Praxis“ nach-
gewiesen werden. Um immer knapper wer-
dende finanzielle Ressourcen optimal einzu-
setzen, sind künftig Vergleiche der in der „tägli-
chen Praxis“ erreichbaren Effektivität verschie-
dener Therapiemodalitäten notwendig.
Schlüsselwörter
Atopisches Ekzem · Gesundheitsökonomie ·
Therapieeffektivität · Klinische Studie ·
Tägliche Praxis
Das atopische Ekzem stellt ein derma-
tologisches Krankheitsbild mit einer ho-
hen Prävalenz und einem meist chroni-
schen Verlauf dar.Durch wiederholt not-
wendige ambulante oder stationäre Be-
handlungsmaßnahmen werden nicht nur
hohe direkte, sondern auch indirekte
Kosten durch z. B. wiederholte Arbeitsun-
fähigkeiten verursacht. Zur Behandlung
stehen zahlreiche Möglichkeiten zur Aus-
wahl, die unterschiedliche Effektivität,
Nebenwirkungsprofile, Einflüsse auf die
Lebensqualität, Compliance und Kosten
aufweisen. Um Therapiemodalitäten in
ihren klinischen und kostenverursachen-
den Konsequenzen zu überprüfen, sind
deshalb gesundheitsökonomische Unter-
suchungen gerade bei diesem Krank-
heitsbild von hohem Interesse. Der ge-
sundheitsökonomische Outcome beruht
prinzipiell auf 3 Kriterien [5, 29, 33, 34]:
◗ der Evaluierung der Effektivität an-
hand klinischer Studien mithilfe ob-
jektiver Verlaufsparameter (z. B.
SCORAD-Score beim atopischen Ek-
zem) [25, 28],
◗ der Lebensqualität, die anhand spe-
zifischer Lebensqualitätsfragebögen
[3, 4, 14] oder sog.„Utilities“ (z. B.
„willingness to pay“) [12, 13, 22, 26,
31] gemessen werden kann, und
◗ der Bestimmung von krankheitsbe-
dingten Kosten.
Der erste Schritt zur Überprüfung einer
neuen Therapiemodalität besteht darin,
zunächst deren klinische Effektivität zu
bestimmen. Dabei stellt sich allerdings
eine entscheidende Frage: Ist der thera-
peutische Effekt, der in einer klinischen
Studie erreicht werden kann, übertrag-
bar auf den Therapieerfolg, der später in
der täglichen Praxis zu erwarten ist? Bei
der gesamtwirtschaftlichen Überprü-
fung eines Therapieverfahrens ist letzt-
lich die tatsächlich erreichbare klinische
Effektivität in der täglichen Praxis von
entscheidender Bedeutung. Darauf hat
nicht zuletzt der Bundesausschuss Ärzte
und Krankenkassen in seinen Richtlini-
en zur Bewertung neuer Therapiever-
fahren hingewiesen [20, 21]. Die meisten
klinischen Studien werden allerdings
nicht zuletzt aus Kostengründen unter
optimierten Bedingungen durchgeführt.
Das bedeutet bestmögliche Patienten-
führung und -auswahl nach zu erwar-
tender Compliance oder z. B.Ausschluss
von Patienten mit Begleiterkrankungen,
die das Therapieergebnis beeinflussen
können.Auch wenn die Daten von allen
Patienten, die in eine klinische Studie
aufgenommen werden nach GCP-Krite-
rien („good clinical practice“) doku-
mentiert werden müssen, so finden sich
in der Literatur meist nur die Behand-
lungsergebnisse von Patienten, die
„according-to-protocol“ behandelt wur-
den. Es ist aber anzunehmen, dass die
Originalien
Hautarzt
2002 · 53:22–29 © Springer-Verlag 2002
R. Schiffner · J. Schiffner-Rohe · M. Landthaler · W. Stolz
Dermatologische Klinik und Poliklinik der Universität Regensburg
Wie groß ist der Effektivitätsver-
lust eines Behandlungsverfahrens
zwischen „Theorie“ und „Praxis“?
Evaluierung gesundheitsökonomischer Basisdaten im
Rahmen des Erprobungsmodells ambulante synchrone
Balneophototherapie bei atopischem Ekzem
Dr. Roman Schiffner
Dermatologische Klinik und Poliklinik der
Universität Regensburg, 93042 Regensburg
E-Mail: jr.schiffner@t-online.de