Überlegenheitsansprüche, die für ein bestimmtes Paradigma erhoben würden. Sondern worum es in dem Sammelband geht, ist eine Sichtung ana- lytischer Komplementaritäten. Dahinter steht die Überzeugung, dass jede der Perspektiven ihre ganz eigene Stärke hat, die ihre analytische Exi- stenzberechtigung ausmacht. Zusammengenom- men bilden die Perspektiven einen theoretischen Werkzeugkasten, aus dem man sich bedienen kann, je nachdem welchen Aspekt einer gegebe- nen sozialen Bewegung man besonders interes- sant findet. Dieses Bemühen um friedliche, produktive Koexistenz der Perspektiven schließt freilich kei- neswegs aus, dass jede von ihnen für sich genom- men höchst kritisch auf ihre Präzision und Reali- tätsadäquanz geprüft wird. Das geschieht in den Beiträgen, die sich jeweils auf eine der Perspekti- ven konzentrieren, ausgiebig – stets mit der er- forderlichen Grundsympathie, die aber die jewei- ligen Schwächen in keinem Fall übersieht. Über- aus aufschlussreich im doppelten Sinne ist dabei, dass es zu jedem der fünf Paradigmen zwei Bei- träge gibt: einen mit einer Anwendung auf die neuen sozialen Bewegungen, einen mit einer An- wendung auf rechtsradikale Bewegungen. Zum einen erhält man so stets zwei unterschiedlich ak- zentuierende und bewertende Darstellungen eines Paradigmas; und zum anderen erweist sich dessen Tauglichkeit an zwei nicht nur im politischen Spektrum, sondern auch in vielen weiteren Merkmalen stark divergierenden Fällen – wobei auch die teilweise überraschenden Gemeinsam- keiten linker und rechter Bewegungen nicht zu übersehen sind. Koopmans betont in seiner Schlussbetrach- tung, dass der Sammelband eine erste, zu diesen fünf Paradigmen geführt habende Entwicklungs- phase der empirischen und theoretischen Be- trachtung sozialer Bewegungen bilanziert. Wie kann es jetzt, abgesehen von der weiteren Ausar- beitung jedes der Paradigmen, weiter gehen? Er schlägt zwei theoretische Strategien vor, die je- weils auf Paradigmenkombinationen hinaus lau- fen. Das eine wären theoretische Modelle, die sich auf Phänomene begrenzterer Reichweite be- ziehen: etwa eine bestimmte Art von sozialer Be- wegung, eine bestimmte Phase in der typischen Entwicklung von Bewegungen oder auch einen bestimmten historischen Zeitraum oder nationa- len Rahmen. Das andere, theoretisch noch reiz- vollere Vorgehen wären Modelle, die paarweise Perspektiven verknüpfen, also beispielsweise fra- gen, „wie Gelegenheitsstrukturen und Framing zusamenhängen“ (230). Bei fünf Paradigmen gibt es zehn logisch mögliche derartige „Theorie-Hei- raten“, die dann wieder auf Stärken und Schwä- chen im Vergleich untereinander und mit den ursprünglichen „Singles“ zu prüfen wären. Ein hoch interessantes Unternehmen, dem nur zu wünschen ist, dass sich genügend Mitstreiter – im doppelten Sinne des Wortes – finden! Insgesamt handelt es sich bei dem Sammel- band um ein äußerst fruchtbares Kooperations- projekt, für dessen Ertrag man jedem Beteiligten nur danken kann. Jeder Einzelbeitrag ist von ei- nem ausgewiesenen Kenner der jeweiligen Per- spektive geschrieben – teils als Literaturübersicht, teils auf der Basis eigener empirischer Studien. Kein Autor ist aber ein dogmatischer, unkriti- scher Vertreter der von ihm behandelten Per- spektive – und alle Autoren halten sich muster- gültig an die vereinheitlichenden Vorgaben der Herausgeber. Man sollte die beiden nach ihrem Vorgehen und ihren Erfahrungen bei der Organi- sation eines solchen Unternehmens fragen, um daraus für andere Projekte dieser Art lernen zu können. Die Soziologie brauchte dringend in ei- ner ganzen Reihe von Themenfeldern solch enga- gierte, aber unaufgeregte Bilanzierungen des je- weiligen Perspektivenpluralismus, um dann den nächsten Schritt, etwa in Richtung bestimmter Perspektivenkombinationen, tun zu können. Zum Schluss nur eine winzige, wirklich nicht sehr erhebliche Nachfrage: Da Hellmann bereits als kundiger Herausgeber und Kommentator von Niklas Luhmanns Aufsätzen zu sozialen Bewe- gungen hervorgetreten ist, verwundert es ein biss- chen, dass dessen Perspektive – wiewohl sie in der Tat in der Bewegungsforschung bislang, trotz einiger Einzelarbeiten von Klaus-Peter Japp, Heinrich Ahlemeyer und Hellmann selbst, rand- ständig geblieben ist – gänzlich ausgespart bleibt. Insbesondere in der Erörterung der Structural- Strains-Perspektive hätte man Luhmanns Ideen gut unterbringen können. Aber vielleicht geht die pluralistische Neugier der meisten Bewegungsfor- scher so weit dann doch nicht! Uwe Schimank POLITISCHE SOZIOLOGIE Wolfgang Streeck (Hg.): Internationale Wirt- schaft, nationale Demokratie. Herausforde- rungen für die Demokratietheorie. Frankfurt a.M./New York: Campus Verlag 1998. 209 Seiten. ISBN 3-593-36113-2. Preis: DM 36,–. Motiv des Herausgebers dieses Sammelbandes, Wolfgang Streeck, für die Organisation einer öf- 568 Literaturbesprechungen