Sita Steckel
Von Buchstaben und Geist
Pragmatische und symbolische Dimensionen der Autorensiglen
(nomina auctorum) bei Hrabanus Maurus
1 Fußspuren der Gelehrsamkeit: Wissenstransfer in
der Exegese der Karolingerzeit
Der Fuldaer Mönch und Gelehrte Hrabanus Maurus (ca. 780–856), der nach Jahren
der Ausbildung als Oblat in Fulda, am Hof und beim berühmten Alkuin von York
(† 804) selbst Lehrer in Fulda geworden war, stellte mit ungefähr vierzig Jahren seinen
ersten großen Bibelkommentar fertig.¹ Im Widmungsbrief dieses Matthäuskommen-
tars an Erzbischof Haistulf von Mainz († 825) führt Hrabanus in einprägsamer Weise
vor Augen, welche kulturellen und materiellen Parameter im Frühmittelalter Wis-
senstransfer und Innovation bestimmten. Er beschrieb nicht nur den intellektuellen
Hintergrund, vor dem er arbeitete – die Werke der Kirchenväter – und seine eigene
Tätigkeit. Er trug auch Sorge um das Resultat seiner Arbeit, einen exegetischen Text,
der die Autorität seiner Quellen in besonderer Weise abbildete:
Ich habe sorgfältig beschaut und im Folgenden also hier versammelt, was die bedeutendsten
und würdigsten Künstler der heiligen Lesungen in ihren Werken über die Worte des seligen
Matthäus gedacht und geschrieben haben. Ich nenne Cyprian und Eusebius, Hilarius, Ambro-
sius, Hieronymus, Augustinus, Fulgentius, Victorinus, Fortunatianus, Orosius, Leo, Gregor von
Nazianz, Gregor den römischen Papst, Iohannes Chrysostomus, und die übrigen Väter, deren
Namen im Buch des Lebens stehen. So gut ich konnte, war ich ihrer Lektüre ergeben, insofern
mir das zwischen den unzähligen Belastungen des monastischen Dienstes möglich war – und
neben der Belehrung der Kleinen, die uns nicht wenig Mühe kostet und Lesezeit verbraucht.
Mir selbst als Diktator, Notar und Bibliothekar dienend, ließ ich auf Zettel schreiben, was ich
an Auslegungen auffand, entweder in ihren eigenen Worten oder auch einmal aus Gründen der
Kürze in meinen eigenen. Da es mühevoll war, jeweils einzeln die Worte einzusetzen und zu
zeigen, was wörtlich von welchem Autor gesagt war, hielten wir es für bequemer, immerhin am
Im Rahmen der in diesem Band dokumentierten Lorscher Tagung erhielt ich für diesen Beitrag wert-
volle Hinweise und Anregungen von Mariken Teeuwen, Irene van Renswoude, Janneke Raaijmakers,
Evina Steinová, Carla Meyer und Walter Berschin, für die herzlich gedankt sei. Genauso bedanke ich
mich bei Christel Meier-Staubach für die Überlassung eines unveröffentlichten Vortragsmanuskripts
zur mittelalterlichen Ambiguitätstoleranz.
1 Vgl. zu Leben und Werk des Hrabanus Maurus grundlegend Kottje/Zimmermann 1982; Kottje 1991;
Schaller 1971; sowie zuletzt Raaijmakers 2012, 175–265. Zu Hrabans Widmungen an Haistulf vgl. auch
Steckel 2011b; Steckel 2014a.
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© 2015, Steckel.