Manuelle Medizin 2010 · 48:454–459
DOI 10.1007/s00337-010-0800-0
Online publiziert: 20. November 2010
© Springer-Verlag 2010
J. Schröder · K. Strübing · K. Mattes
Abteilung Bewegungs- und Trainingswissenschaft, Fakultät 4, Universität Hamburg
Rückenbeschwerden
und Wirbelsäulenform
Wirbelsäulenformprofile für Beschwerden
des unteren Rückens und diagnosespezifische
Muster beim lumbalen Facettensyndrom
Originalien
Zusammenhänge zwischen Muskelfunk-
tionskennziffern und Rückenbeschwer-
den gelten als empirisch gesichert und
werden in der Bewegungstherapie bei
Rückenschmerzen sowohl zur Festlegung
von Zielen und Inhalten als auch zum Mo-
nitoring im Qualitätsmanagement genutzt
[3, 4]. Dies gilt nicht im gleichen Maße für
Wirbelsäulenform- und Haltungskennzif-
fern [1, 8, 14], obwohl in der physiothera-
peutischen Praxis ein immanenter Zu-
sammenhang angenommen wird und die
Beurteilung der Haltung Bestandteil der
Eingangsdiagnostik ist [1, 18].
Problematisch für eine vergleichen-
de Analyse der Wirbelsäulenform ist die
große individuelle Variationsbreite phy-
siologischer Wirbelsäulenformvarianten,
die eine Abgrenzung zu pathologischen
Varianten erschwert [8, 20]. Die Wirbel-
säulenformanalyse bei Patienten mit un-
spezifischem Schmerz im unteren Rü-
cken („lower back pain“, LBP) birgt da-
rüber hinaus das Problem mischbildhaf-
ter und multifokaler Syndrome ohne di-
rekt bekannte Ursache [11], die wiederum
mit interindividuell variierenden patho-
logischen Wirbelsäulenformvariationen
einhergehen können.
Univariate Analysen werden der Inter-
dependenz der sich gegenseitig beein-
flussenden Wirbelsäulenformparameter
nicht gerecht [5, 8]. Bei Jugendlichen [7]
und LBP-Patienten [14] ließen sich uni-
variat keine Zusammenhänge zwischen
Rückenbeschwerden und Wirbelsäulen-
kennziffern finden. Multivariate Analy-
seansätze hingegen konnten bei älteren
LBP-Patienten Hinweise für beschwerde-
assoziierte Ausprägungen von Wirbelsäu-
lenkennziffern liefern [17].
Ziel dieses Beitrags ist es, mit einem er-
weiterten multivariaten Analyseansatz ein
beschwerdeassoziiertes Profil von Wirbel-
säulenformkennziffern für Patienten mit
LBP zu erstellen und darüber hinaus dia-
gnosespezifische Muster am Beispiel des
lumbalen Facettensyndroms zu identifi-
zieren.
Patienten und Methoden
Im Rahmen einer ambulanten bewe-
gungstherapeutischen Intervention von
Mitte 2006 bis Mitte 2009 wurden 84
männliche Patienten (Alter: 47,6±15,3 Jah-
re, BMI: 24,6±1,5 kg/m
2
) mit LBP und 113
freiwillige Männer (Alter: 27,6±4,4 Jah-
re, BMI: 24,0±1,2 kg/m
2
) ohne Rückenbe-
schwerden als Vergleichsgruppe (VG) ak-
quiriert. Die Teilnehmer beider Gruppen
wiesen im Stichprobenmittel annähernd
gleichartige anthropometrische Voraus-
setzungen auf (. Tab. 1), unterschieden
sich jedoch hochsignifikant im Alter (LBP
vs. VG: Z=−9,44; p<0,000).
Die Patienten wurden fachärztlich in
einer großen Hamburger Orthopädie-
praxis untersucht. Diagnostiziert wur-
den chronische oder rezidivierende Rü-
ckenbeschwerden. Die Betroffenen hat-
ten schon mehrere Therapieversuche hin-
ter sich. Starke Schmerzen zum Untersu-
chungszeitpunkt (CR10-Schmerzsco-
re >5; [2]) führten zum Ausschluss. Ver-
gleichspersonen wurden ausgeschlos-
sen, wenn anamnestisch eine fachärztli-
che Rückenschmerzdiagnose oder eine
Rückenschmerzsymptomatik in den letz-
ten 6 Monaten vorlag. Patienten und Ver-
gleichspersonen wurden über die Unter-
suchung informiert und nahmen anony-
misiert an der Datenerhebung teil.
Zusätzlich wurden 4 männliche LBP-
Patienten mit der Differenzialdiagno-
se lumbales Facettensyndrom außerhalb
der Patientenstichprobe mit LBP analy-
siert, deren Merkmale jedoch sehr hetero-
gen ausgeprägt waren. Das Alter lag zwi-
schen 24 und 70 Jahren (im Mittel 48 Jah-
re), die Wirbelsäulentypologie variier-
te von Flach- bis Hohlrundrücken, die
Schmerzcharakteristik reichte von nächt-
Tab. 1 Anthropometrie von Patienten
mit Beschwerden im unteren Rücken
(LBP: n=84) und der Vergleichspersonen
(VG: n=113). Mittelwert ± Standard-
abweichung
Alter (Jahre) VG 27,6±4,4
LBP 47,6±15,3
Größe (m) VG 1,85±0,05
LBP 1,83±0,06
Gewicht (kg) VG 82,2±5,5
LBP 82,4±6,0
BMI (kg/m
2
) VG 24,0±1,2
LBP 24,6±1,5
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