ZUR REKONSTRUKTION ETHNISCHER DIFFERENZPRODUKTION MARK SCHRÖDTER Universität Bielefeld im August 2002 1 BEOBACHTUNG UND DIFFERENZ Folgen wir einer Unterscheidung von Ulrich Oevermann (2000) differenziert sich der Forschungsprozeß in Datenerhebung einerseits und Dateninterpretation andererseits. Datenerhebung meint Sammlung von bereits existierenden Protokollen der handeln- den Subjekte, wie wir sie etwa in historischen Archiven vorfinden, oder die maschi- nelle Protokolierung von Sprechhandlungen durch den Forscher, wie wir dies klassi- scherweise im Forschungsinterview tun. Die Ethnographie stellt einen Grenzfall dar, denn hier protokolliert das Gedächtnis des Forschers das Handeln der Akteure. Er muß das Gedächtnisprotokoll erst noch verobjektivieren, also verschriften. Ein Moment empirischer Forschung ist also immer die Protokollierung von Praxis, und somit die Produktion von Text durch Praxis. Ein Text ist nichts anderes als eine sequenzielle Abfolge von Entscheidungen. Wenn ein Künster vor einer leeren Leinwand steht oder einem Sprecher das Wort auf der Zunge liegt, dann muß er sich aus dem Horizont von möglichen Ausdrucksweisen für eine konkrete Option entscheiden. Er entscheidet sich für ‘dies’ und nicht ‘anderes’. Dabei handelt es sich um eine Operation, die – um mit Luhmann (1995) in Anschluß an George Spencer Brown (1971) zu sprechen – durch Unterscheidung etwas be- zeichnet. Bezeichnen ist Unterscheiden, ist Setzen von Differenz: ‘dies’ und nicht ‘das’. Erst in der Sequenzialität, in der sinnhaften Verknüpfung von Entscheidung mit Entscheidung mit Entscheidung entsteht Kommunikation, also Text. In diesem Sinne ist Text Sequenzialität von Differenz. Die Migrationsforschung interessiert sich für jene Praxen, die mit bestimmten Differenzen operieren. Sie beobachtet Protokolle von Praxen, die ethnisch codierte Semantiken nutzen. Die Migrationsforschung kann nun selbst von diesen Semantiken Gebrauch machen, dann operiert sie mit den selben Differenzen wie die untersuchte Praxis. Man kann dann von Beobachtung erster Ordnung sprechen. Die „differenzkri- tische“ Migrationsforschung kritisiert daran, daß hier jene Differenzen in der For- schung reproduziert werden, die in der Praxis Grundlage von Diskriminierung sind (vgl. RADTKE 1992). „Differenzkritische“ Migrationsforschung kritisiert dies als Ethnisierung (vgl. BUKOW 1996; BUKOW/LLARYORA 1988), racialization (vgl. MILES 1989), und Kulturalisierung (vgl. HAMBURGER 1994). Sie spricht sich dafür aus, gerade nicht die Perspektive der Praxis einzunnehmen, die Selbstbeschreibung der Praxis nicht lediglich zu „verdoppeln“. Das geht nur auf Grundlage anderer Unter- scheidungen als die, die die untersuchte Praxis verwendet. Man kann nicht mit dem Kulturbegriff den Kulturbegriff ‘kritisch’ untersuchen. Im Sinne einer Beobachtung zweiter Ordnung distanziert sie sich von ethnischen, rassischen und kulturellen Unterscheidungen und untersucht deren Gebrauch in der Praxis. Beobachtung zweiter Protokollierung von Praxis als Produkti- on von Text Differenzproduktion Rekonstruktion ethnischer Diffe- renzproduktion