bücher polylog 27 Seite 124 Detlev Quintern / Verena C. Paulus (Hrsg.): Entführung in den Serail. Interdisziplinäre Beiträge zum Orientalismus. Berlin: Weißensee Verlag 2008, 260 Seiten, mit farbigen Abb. ISBN 978-3-89998-131-5 Anke Graness Entführung in den Serail Eine Untersuchung des Orientalismus im europäischen Denken zu: Detlev Quintern / Verena C. Paulus (Hrsg.): Entführung in den Serail. Das Serail, der Palast eines türkischen Herr- schers – fälschlicherweise oft gleichgesetzt mit dem Harem, dem abgeschlossenen und bewachten Wohnbereich eines Serails, in dem die Frauen, die weiblichen Angehörigen und die Kinder des Herrschers lebten – wurde be- sonders im 18. Jahrhundert zum Inbegriff der exotischen Vorstellungen der Europäer vom Hof des osmanischen Sultans. Der Begriff Stand für Despotie, Korruption und Brutali- tät, für Unvernunft und Intrigen, ebenso wie für laszive Erotik und sinnliche Verführung. Das Serail war somit ein Ort des Schreckens und der Sehnsucht zugleich - und damit ein ideales Sujet für Literatur, Malerei und Musik. Am bekanntesten ist diesbezüglich sicherlich Mozarts Oper »Die Entführung aus dem Serail« . Beispielhaft kann das Serail für eine Unter- suchung des Orientalismus im europäischen Denken dienen, eine Untersuchung, die der vorliegende Band disziplinübergreifend leis- tet. Hinterfragt und entschlüsselt werden, methodisch an der postkolonialen Theorie orientiert, überlieferte, fortwirkende und nostalgisch wiederbelebte Bilder vom Orient. Anhand des antiken Kleopatra-Diskursen, der frühneuzeitlichen Kreuzzugsdichtung, der Reiseliteratur des 19. Jahrhunderts, anhand der Operndichtung, den Weltausstellungen und der Plakatkunst u.a. beschreiben und analysieren die Beiträge verschiedene Aus- drucksformen des Orientalismus und dessen gesellschaftliche Relevanz gestern und heute. Die Oper steht im Mittelpunkt des Beitrages der Musik- und Kulturwissenschaftlerin Annet- te Kreuziger-Herr mit dem launigen Titel »Post- koloniale Theorie in der Praxis: Edward Said geht in die Oper« . Für seine These, Literatur und Kul- tur seien Teil eines imperialen Diskurses, zieht Said das Genre Oper heran, und zwar »Aida« , Verdis berühmter »ägyptische« Oper. Für Said ist »Aida« ein Paradebeispiel des Orientalismus, wird der Orients hier doch exemplarisch als exotische, entlegene, antike Region beschrie- ben. Deutlich wird die Konstruktion bestimm- ter Vorstellungen vom Orient bereits in der Entstehungsgeschichte der Oper: Es war Ismail Pasha, der Vizekönig von Ägypten, der Verdi den Auftrag zu dieser Oper gab und die Gestal- tung des Inhalts zugleich an Auguste Mariette, ein prominenter Ägyptologe und Oberster Auf- seher aller Ausgrabungen in Ägypten, übergab, den Plot angeblich einem Ausgrabungstext ent- nahm. Für die Musik konnte allerdings auf keine antike Überlieferung zurück gegriffen werden, da aus der ägyptischen Antike keine musikali- schen Überlieferungen vorliegen. So lehnte sich Verdi bei der Komposition der Musik an das an, was als orientalisierende Elemente in anderen Opern bereits vorhanden war. So entstand ein