BRGÖ 2014 Beiträge zur Rechtsgeschichte Österreichs http://dx.doi.org/10.1553/BRGOE2014-2s254 THOMAS OLECHOWSKI, Wien Hans Kelsen und die Berufungen nach Graz, Czernowitz und Wien 1916–1919* Hans Kelsen, one of the leading jurists of the 20 th century, habilitated himself in 1911 and became associate professor at University of Vienna in July 1918. Very soon after that, in July 1919, he became full professor. So it seems that the first steps of his career were very difficult for him and only the political circumstances – the collapse of the mon- archy and the rising of the republic in 1918 – enabled the further steps. This article, however, shows that Kelsen was in discussion for a professorship even earlier, in 1916 at the University of Graz and soon after that in Czernowitz, before he was appointed at the University of Vienna. It gives a panorama view of the situation of the public law in Austria at the beginning of the 20 th century. Im Gegensatz zu vielen anderen Rechtswissen- schaftern seiner Zeit musste Kelsen wenigstens zu Beginn seiner akademischen Karriere kein „akademisches Nomadentum“ erleiden; viel- mehr ist er das typische Beispiel für eine sog. Hausberufung: Geboren in Prag, aber aufge- wachsen in Wien, ging er hier zur Schule und studierte die Rechts- und Staatswissenschaften, habilitierte sich 1911 an der Alma Mater Ru- dolphina und wurde zunächst, 1918, außer- ordentlicher, dann, 1919, ordentlicher Professor an der Universität Wien. Erst 1930, kurz vor seinem 49. * Geburtstag, verließ er Wien, um ei- nen Ruf an die Universität Köln anzunehmen. Damit allerdings begann für ihn eine zehn- jährige Odyssee, die ihn über Genf und Prag * Die Arbeit enthält Ergebnisse gleich zweier von mir geleiteter Forschungsprojekte: dem FWF-Projekt P 19287 „Biographische Untersuchungen zu Hans Kelsen in den Jahren 1881–1940“ sowie dem FWF- Projekt P 21280 „Die Wiener Rechts- und Staatswis- senschaftliche Fakultät 1918–1938“. Für wertvolle Hilfe bei der Beschaffung der zitierten Archivalien danke ich Herrn Mag. Jürgen BUSCH LL.M. sowie dem Leiter des Grazer Universitätsarchives, Herrn Univ.- Prof. Dr. Alois KERNBAUER. 1940 in die USA führte, wo er zunächst in Har- vard lehrte, um endlich in Berkeley in Kalifor- nien eine dauerhafte Bleibe zu finden. Schon vor 1930 zeigten viele Universitäten im- mer wieder Interesse, den Begründer der Reinen Rechtslehre in ihre Mitte zu holen, 1 und dies beileibe nicht erst, als Kelsen bereits allgemein zu den bedeutendsten Juristen weltweit gezählt wurde. Namentlich an der Karl-Ferdinands- Universität zu Graz und der Franz-Josephs-Uni- versität zu Czernowitz gab es schon während des Ersten Weltkrieges Ambitionen, Kelsen zu berufen. Warum es dann letztlich nicht dazu kam und wie sich die Berufung an die Univer- sität Wien letztlich gestaltete, soll im Mittel- punkt dieses Beitrages stehen. I. Der junge Privatdozent Kelsens Habilitierung war reichlich unspekta- kulär verlaufen. In seiner Autobiographie 1 Nur beispielhaft seien die Bemühungen der Univer- sität Frankfurt 1925 genannt; vgl. dazu HAMMERSTEIN, Frankfurt 128f.; SCHMITZ, Karl Renners Briefe 144.