Orthopäde 2006 · 35:834–840 DOI 10.1007/s00132-006-0954-6 Online publiziert: 4. April 2006 © Springer Medizin Verlag 2006 P. Gierer · C. Simon · G. Gradl · A. Ewert · A. Vasarhelyi · M. Beck · T. Mittlmeier Abteilung für Unfall- und Wiederherstellungschirurgie, Klinik und Poliklinik für Chirurgie, Universität Rostock Die Humeruskopfmehrfrag- mentfraktur – Versorgung mit einer Humeruskopfprothese? Klinische und radiologische Ergebnisse einer prospektiven Studie Originalien Während die Endoprothetik an der Hüf- te seit der Einführung der zementierten Hüftendoprothetik durch Charnley 1958 [3] aus der Therapie der proximalen Fe- murfrakturen nicht mehr wegzudenken ist, stellt die Endoprothese bei der Frak- turversorgung am Humeruskopf nach wie vor eine Ausnahmeindikation dar, ob- wohl bereits 1953 durch Charles Neer [16] die erste Hemiarthroplastik nach einer Humeruskopffraktur beschrieben und durchgeführt wurde. Und das, obwohl es sich bei der Humeruskopffraktur mit ei- ner Prävalenz von 4–5 um eine der häu- figsten Frakturen des Menschen (v. a. im höheren Lebensalter) handelt. Neuere Prothesenmodelle der sog. „4. Generation“ versprechen durch stufenlose Modularität eine anatomiegerechte Re- konstruktion des frakturierten Humerus- kopfes mit korrekter Wiederherstellung des funktionellen Rotationszentrums und des humeralen Offsets [7]. Problematisch bleibt jedoch die Refixation der Tubercula an der Prothese bzw. am distalen Schaft- fragment unter Vermeidung der Osteo- nekrose und damit insuffizienten Funkti- on der Rotatorenmanschette. Die in un- serer Klinik verwendete EPOCA-C.O.S.- Prothese erlaubt durch einen Doppelex- zenter eine freie Wahl des medialen und posterioren Offsets und somit eine ana- tomiegerechte Rekonstruktion der hume- ralen Gelenkfläche. Das laterale Profil der Prothese, ohne die bei vielen anderen Pro- thesenmodellen übliche „Finne“, soll eine optimale Refixierung der Tubercula er- möglichen. In einer prospektiven Studie haben wir bei Patienten nach primärer hemiarthro- plastischer Versorgung einer Humerus- kopfmehrfragmentfraktur den postopera- tiven Verlauf und die klinischen und radio- logischen Ergebnisse einer Nachuntersu- chung nach einem halben und einem Jahr postoperativ erfasst und ausgewertet. Patienten und Methode Im Zeitraum von August 2000 bis De- zember 2002 wurden 24 Patienten, die aufgrund einer Humeruskopfmehrfrag- mentfraktur mit einer Humeruskopf- prothese versorgt wurden, prospektiv er- fasst. Die Indikation zum Humeruskopf- ersatz sahen wir bei „nicht rekonstruier- baren“ 4-Fragment-Frakturen (Osteopo- rose, ausgeprägte Trümmerzone, zerstör- te humerale Gelenkfläche) sowie „Head- split-Frakturen“ für gegeben. Als Implantat verwendeten wir in allen Fällen eine modulare Humeruskopfpro- these (EPOCA C.O.S. ® , Fa. Argomedical, Gifhorn) mit doppelt exzentrisch einstell- barem Kopfteil. Somit kann das posteriore und mediale Offset frei nach den anato- mischen Gegebenheiten gewählt werden. Die Koppelung von Kopf- und Schaft- teil erfolgt über einen zwischengeschal- teten „Exzenter“ über eine kraftschlüs- sige Konussteckverbindung. Zur Refixa- tion der frakturierten Tubercula werden 1 mm starke, geflochtene Kabelcerclagen verwendet, welche durch eine Stahlplom- be miteinander verblockt werden und bei geringem Risiko des Durchschneidens der Cerclagen eine äußerst stabile Refixation der Tubercula gewährleisten. Operationstechnik Alle Patienten wurden in halbsitzender (Beach-chair-)Lagerung über einen del- toideopektoralen Zugang (anteromedial) operiert. Nach Anschlingen der Tubercu- la (Polyester 1–0) und Extraktion der Hu- meruskopfkalotte wird der Markraum des proximalen Humerus l für die Schaftim- plantation vorbereitet. Die Probeprothese ermöglicht schließlich, die exakte Schaft- größe, den Retroversionswinkel, das Off- set und die Implantationstiefe und damit die Humeruslänge abzuschätzen. Nach Einbringen eines resorbierbaren Mark- raumstoppers und der Applikation des Knochenzementes (Refobacin-Palacos ® , Fa. Merck, Darmstadt) mit einer Zement- pistole wird die Prothese eingesetzt. Für die Refixation der Tubercula werden die- se mit zwei 1-mm-Kabelcerclagen ange- schlungen und am Prothesenschaft pro- ximal bzw. am Humerusschaft befestigt. Bei komplikationslosem Verlauf er- folgte die Nachbehandlung ab dem 1. postoperativen Tag auf der Motorbewe- 834 | Der Orthopäde 8 · 2006