SABINE C. KOCH, UNIVERSITÄT HEIDELBERG Einheit von Wahrnehmung und Bewegung: Anfänge des Bewusstseins Dieser Artikel hat die phänomenale Kontinuität von Bewusstsein in Wahrnehmung und Bewegung zum Thema. Die Emergenz von Konzepten auf leiblicher Basis, die universelle Semantik des Körpers und seinens Ausdrucks und mögliche diesbezügliche Einschränkungen werden in Augenschein genommen. Die Rolle der selbst-initiier- ten Bewegung wird als mögliche Quelle der ontogenetischen und phylogenetischen Entwicklung des Bewusst- seins beleuchtet, Kinästhetik und Praktiken in ihrer Funktion für das sich herausbildende Selbst, seiner Gefühle, Gedanken und Handlungen diskutiert. Das Ernstnehmen von Bewegung und der Einheit von Wahrnehmung und Bewegung führt uns zu einer radikal verkörperten Sicht der menschlichen Natur und Entwicklung. 1 Das Leib-Seele Problem als Problem des Bewusstseins Bewusstsein kann definiert werden als alles, was wir bewusst erleben, was phänomenale Validität für uns besitzt (Blackmore, 2003), oder nach Jaspers (1965) als „das Gesamt des gegenwärtigen Augenblicks, der das Wissen um alles Wahrnehmen, Denken, Fühlen und Handeln umfasst, sowie das Wissen, dass ich es bin, der diese Inhalte erlebt“ (zit. nach Ebert & Loew, 2005). Das Leib-Seele- Problem ist ein zentrales Problem des Bewusstseins, da wir unseren Körper als kontinuierlich erleben, den Geist hingegen als diskret. Da wir in unserem bewussten Erleben diese beiden Modi nicht integrieren können, müssen wir beständig nach ihrer Schnittstelle suchen (vgl. Koch & Fischman, 2010; Metzinger, 2010). 2 Die Bedeutung der Bewegung 2.1 Die Doppeldeutigkeit des Leibes: Kennzeichen der Eigenbewegung Folgen wir Merleau-Ponty (1966), so ist der Leib ein Ausdruck für den Zwischenbereich zwischen Subjekt und Objekt, und deshalb gekennzeichnet durch Ambiguität (Doppeldeutigkeit). Ein zentrales Beispiel für diese Ambiguität ist das der sich selbst berührenden Hände (vgl. Abb. 1). Der Leib ist doppeldeutig, weil er weder reines Ding noch reines Bewusstsein ist. Die von Merleau-Ponty am Beispiel der Berührung veranschaulichte Doppeldeutigkeit des Leibes als Berührender und Berührter gilt auch für die Kinästhetik/Kinetik: Ich bin Bewegender und Bewegter zugleich (vgl. Sheets-Johnstone, 2008). Obwohl Merleau-Ponty sonst in Umfang und Tiefe des Einbezugs der Leiblichkeit über Husserl hinausgeht, bezieht Husserl (1952; 1954) den Bewegungsaspekt expliziter als Merleau-Ponty in seine Analyse der Rolle der Sinne ein. Fuchs (2000) nennt dies den Aspekt der Selbstbewegung: Der Leib unterscheidet sich vom Objekt durch den Aspekt der Selbstbewegung, er kann Bewegung frei initiieren und spürt sie während des Bewegens kinästhetisch. Der Begriff der Eigenbewegung (Koch, 2009) stellt noch deutlicher als der Begriff der Selbstbewegung heraus, dass ich mir selbst in der Bewegung Subjekt und Kommentiert [j1]: Nur wenn Sie das hier gut und passend finden…