Nina Mackert “Nature always counts”. Kalorienzählen als Vorsorgetechnik in den USA des frühen 20. Jahrhunderts Niemals, warnte die Ärztin Lulu Hunt Peters die Leserinnen und Leser der „Los Angeles Times“ 1922, könnten diese mehr essen, als ihre Körper bräuchten, ohne zuzunehmen. Immer würde ihr Körper die überschüssige Nahrung als unerwünsch- tes Fett speichern. „Übergewicht“ war für Peters sowohl ein ästhetisches als auch ein medizinisches Problem, denn Körperfett und Krankheiten waren für sie eng mitein- ander verbunden.1 Peters hatte allerdings eine Lösung parat, die die Kontrolle der Nahrungszufuhr und damit die Vermeidung von Gewichtszunahme und Krankheiten erleichtern sollte: “Calories! That᾽s the secret! Count your calories and you᾽ll be all right.”2 Schon einige Jahre zuvor hatte die Ärztin das Zählen von Kalorien in ihrem 1918 veröffentlichten „Diet and Health with Key to the Calories“ propagiert und damit einen Bestseller gelandet.3 Das Buch gilt als einer der ersten Ratgeber, die Kalorien- zählen als Diätprogramm empfahlen, und verkaufte sich millionenfach.4 Bis dato war die Kalorie vor allem in den Ernährungswissenschaften eine bekannte Größe gewesen. Erst Ende des 19. Jahrhunderts hatten Chemiker und Physiologen sie in den USA als neue Möglichkeit der Quantifizierbarkeit von Nahrung eingeführt.5 Neu war auch das Problem, das Kalorienzählen lösen sollte: Erst in den letzten Dekaden des 19. Jahrhunderts war „Übergewicht“ als Problem, dem man mit Diäten zu begegnen hatte, in den USA ins Zentrum der Aufmerksamkeit einer weiß und bürgerlich gepräg- ten Öffentlichkeit gerückt.6 1 Lulu Hunt Peters, Calories Needed per Day, in: Los Angeles Times, 10.5.1922, S. II8. 2 Zitiert in anon., Yank Tummies Hiding Place for Food Hoarders. 20,000,000 Overweight Citizens Unpatriotic, Says Doctor, in: Chicago Daily Tribune, 5.7.1918, S. 13. 3 Lulu Hunt Peters, Diet and Health with Key to the Calories, Chicago 1918. Alle hier zitierten Passa- gen beziehen sich auf die 2. Auflage von 1919. 4 Bis 1939 druckte der Verlag zwei Millionen Exemplare. Sander L. Gilman, Obesity. The Biography, Oxford 2010, S. 91. 5 Nick Cullather, The Foreign Policy of the Calorie, in: The American Historical Review 112 (2007), S. 337–364; Jessica Mudry, Measured Meals. Nutrition in America, Albany 2009. 6 Dazu ausführlicher Katharina Vester, Regime Change: Gender, Class, and the Invention of Dieting in Post-Bellum America, in: Journal of Social History 44 (2010), S. 39–70; Alan J. Bilton, Nobody Loves a Fat Man: Fatty Arbuckle and Conspicuous Consumption in Nineteen Twenties America, in: Ame- rikastudien/American Studies 57 (2012), S. 51–66; Nina Mackert, „I want to be a fat man / and with the fat men stand.“ U. S.-Amerikanische Fat Men’s Clubs und die Bedeutungen von Körperfett in den Dekaden um 1900, in: Body Politics 2 (2014), S. 215–243. DOI 10.1515/9783110529524-011