Journal Club
Forsch Komplementärmed Klass Naturheilkd 2003;10:155–163
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Dieser Journal Club stellt Ihnen drei klinische Studien und eine Grundlagenfor-
schungsarbeit vor. Die klinischen Studien scheinen alle miteinander auf den ers-
ten Blick klare negative Ergebnisse zu berichten; ein Befund, der uns aus der
Forschung auf dem Gebiet der Komplementärmedizin ja reichlich bekannt vor-
kommt. Es sieht so aus als könnte man nach diesen Studien – allesamt in viel ge-
lesenen, anerkannten und führenden Fachjournalen veröffentlicht – zur Tagesord-
nung übergehen mit dem allseits bekannten «Wir haben es ja immer schon ge-
wusst».
So einfach ist aber nun die Sache doch nicht, wie die teilweise tiefschürfenden
Kommentare zeigen. Es zeigt sich nämlich, dass die drei vorgestellten Studien
methodische und inhaltliche Probleme aufweisen, die man beim einmaligen Hin-
sehen nicht erkennen würde. Die Mankos würden auch einem methodisch ge-
schulten Reviewer oder Metaanalyse-Fachmann nicht auffallen, der eine der an-
erkannten Rating-Skalen zur Hand nimmt. Andernfalls wären sie nämlich auch
nicht in den führenden Fachzeitschriften publiziert worden. Diese drei Beispiele
machen aber auch deutlich, dass zur Beurteilung einer Studie mehr gehört als die
fachgerechte Anwendung einer einfachen Rating-Skala. Man sieht an den Kom-
mentaren, dass der Teufel nicht nur im methodischen Detail steckt, sondern auch
in der entsprechenden Kenntnis der angewandten Methode. Und genau das ist
ein Hauptproblem der komplementärmedizinischen Forschung, wenn sie ver-
sucht, sich an die konventionellen Methodenstandards zu halten. Diese sind ver-
gleichsweise leicht einzuhalten.
Sehr schwer jedoch ist es, innerhalb dieser konventionellen Methodenstandards
auch die fachgerechte Anwendung der untersuchten komplementärmedizini-
schen Massnahme so unterzubringen, dass durch die Methode der Studie dieser
kein Abbruch getan wird. Wir sehen es an der Mistelstudie: Offensichtlich wurde
die Therapie nicht so untersucht, wie sie normalerweise angewandt wird. Wir
sehen es an der Asthmastudie: Offensichtlich wurde keine Akupunktur verwen-
det, die versierte Praktiker gutheissen würden. Wir sehen es auch an der Homöo-
pathiestudie: Obwohl die Therapieanwendung vermutlich – und soweit erkennbar
– den Regeln der Kunst folgte, enthält die Studie andere Probleme, die sie schwer
interpretierbar machen.
Darüber hinaus zeigen die Studien etwas, das uns schon lange hätte auffallen
können: die offensichtliche Parallelführung von Verbesserungsraten in den Be-
handlungs- und Kontrollarmen der Studie. Dies ist ein Phänomen, das komplett
vernachlässigt wird und das dazu führt, dass nicht nur innerhalb der konventio-
nellen, sondern auch der komplementärmedizinischen Forschung grosse Schwie-
rigkeiten bestehen, wirksame Therapien von eigentlich unwirksamen Kontroll-
massnahmen zu trennen. Die Schlussfolgerung, die normalerweise gezogen
wird, lautet: Die Therapie ist unwirksam, wenn eine solche Trennung statistisch
nicht möglich ist. Kaum jemand kommt auf die Idee, sich zu überlegen, ob nicht
durch die Anwendungsmethode einer klinischen Studie die Kontrolltherapie so
effizient wird, dass dies der Hintergrund für den ausgedünnten Effekt ist. Hier
könnte die Grundlagenforschungsstudie aus unserem eigenen Arbeitsbereich
Aufschlüsse liefern.
Sie zeigt nämlich, dass offensichtlich Verbindungen zwischen Menschen besteht,
die voneinander isoliert sind, auch wenn keine Signalübertragung nachweisbar
ist. Wir haben dieses experimentelle Paradigma verwendet, um die Verbunden-
heit von Personen zu studieren. Es wäre immerhin denkbar, dass ein solches Phä-
nomen auch innerhalb klinischer Studien eine Rolle spielt, und dann müssen sol-
che Ergebnisse niemanden mehr wundern, ja man würde sie sogar erwarten.
Wir laden die Leser ein, die Ergebnisse auf diesem Hintergrund kritisch zur Kennt-
nis zu nehmen und vielleicht Originalstudien in ihren Heilungsverläufen von Kon-
troll- und Behandlungstherapie einmal sorgfältig zu studieren.
H. Walach, Freiburg i. Br.