Radiologe 2010 · 50:999–1007
DOI 10.1007/s00117-010-2010-0
Online publiziert: 15. Oktober 2010
© Springer-Verlag 2010
R. Gruber · C.C. Riedl · M. Reisegger · K. Pinker · E. Sturm · F. Semturs · T.H. Helbich
Abteilung für Allgemeine Radiologie und Kinderradiologie,
Division für Molekulare und Gender-Bildgebung,
Universitätsklinik für Radiodiagnostik, Medizinische Universität Wien
Perspektiven der digitalen
Mammographieplattform
Leitthema: Mammadiagnostik
Trotz der Einführung von Früherken-
nungsprogrammen wie Mammogra-
phiescreening, Selbst- und klinische
Untersuchung der Brust bleibt das
Mammakarzinom eine der häufigsten
Erkrankungen der Frau. Das Ziel der
Mammographie – die Früherkennung
von Brustkrebs – ist einfach definiert,
die Erfüllung dieser Aufgabe ist häu-
fig schwierig. Die heterogene Zusam-
mensetzung von Brustdrüsengewebe
und das variierende Erscheinungsbild
von „normalem“ Mammaparenchym
machen die Detektion maligner Lä-
sionen oft unmöglich. In den letzten
Jahren waren die Bemühungen daher
auf die Entwicklung eines „besseren“
Bildes fokussiert – eines Bildes, das
die Unterscheidung zwischen „Nor-
malem“ und „Abnormalem“ verein-
facht und die Brustkrebsfrüherken-
nung für die/den Radiologin/en er-
leichtert.
Digitale Mammographie
Aus diesem Grund vollzog sich seit En-
de der 90er Jahre auch in der Mammogra-
phie schrittweise der Übergang von analo-
gen zu digitalen Bildsystemen.
Die digitale Mammographie erzielt bei
bestimmten Patientinnengruppen signifi-
kante Vorteile in der Brustkrebsdiagnos-
tik: bei Frauen unter 50 Jahren, bei prä-/
perimenopausalen Frauen und bei Frau-
en mit heterogen oder extrem dichten
Mammae [1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9]. Insgesamt
sind die diagnostischen Zugewinne in der
Brustkrebsdetektion seit der Einführung
der digitalen Mammographie jedoch mo-
derat [1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9]. Die Entwick-
lung der digitalen Brustbildgebung stellt
jedoch den Anfang einer neuen Ära in der
Mammographie dar: einer Ära, in der die
„digitale Mammographieplattform“ als
Basis für die Entwicklung neuer, innova-
tiver, bildgebender Methoden der Brust
dient – Entwicklungen, die in Zeiten der
analogen Film-Folien-Mammographie
nicht möglich gewesen wären. Der fol-
gende Artikel fasst diese neuen Anwen-
dungen zusammen, beschreibt die Stär-
ken der digitalen Plattform und veran-
schaulicht den potenziellen Vorteil einer
verbesserten Brustkrebsfrüherkennung
durch die digitale Mammographie.
Digitale Brusttomosynthese
Erste Ergebnisse
Die digitale Tomosynthese der Brust
(DBT) ist eine dreidimensionale radiolo-
gische Technik, die anhand einer begrenz-
ten Anzahl von Einzelaufnahmen mit un-
terschiedlichem Projektionswinkel überla-
gerungsfreie Schichtaufnahmen liefert. Da
die Belichtungsparameter für jede Brust
individuell gewählt und durch die Expo-
sitionsanzahl geteilt werden, ist die Ein-
zeldosis der jeweiligen Schichtaufnahme
extrem niedrig. Die resultierende Strah-
lenexposition der DBT entspricht etwa
der Dosis einer Zwei-Ebenen-Mammo-
graphie, die Brust bleibt während der ge-
samten Untersuchung komprimiert. Vor-
teile können für Patientinnen mit dichten
Mammae und für Niedrigkontrastobjekte
nachgewiesen werden [10, 11, 12, 13].
Die DBT ermöglicht eine überlage-
rungsfreie Darstellung von Läsionen
in der Brust. Die Beseitigung der uner-
wünschten Maskierung durch überla-
gernde Strukturen erhöht die Detektions-
rate suspekter Veränderungen und ermög-
licht – aufgrund der verbesserten Analyse
von Rand und Form – eine genauere Cha-
rakterisierung und BI-RADS-Klassifizie-
Abb. 1 8 Digitale Brusttomosynthese
(Gerät Fa. Siemens, Typ Inspiration, Erlangen,
Deutschland)
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