Gastroenterologe 2011 · 6:39–45 DOI 10.1007/s11377-010-0470-4 © Springer-Verlag 2011 B. Koletzko · S. Verwied-Jorky · A. Strauß · B. Herbert · K. Duvinage Abt. für Stoffwechsel- und Ernährungsmedizin, Dr. von Haunersches Kinderspital,   Klinikum der Universität München, München Übergewicht und Adipositas bei Kindern und Jugendlichen Eine medizinische und gesellschaftliche  Herausforderung Schwerpunkt: Adipositas Die hohe Prävalenz juveniler Adipo- sitas erfordert nachhaltige Präventi- onsmaßnahmen, die möglichst früh- zeitig beginnen sollten. So wird mit dem multimodalen Schulungspro- gramm PowerKids eine wirksame all- mähliche Senkung des Body-Mass-In- dex (BMI) erreicht. Im Setting der Kin- dertageseinrichtung führt das Pro- gramm TigerKids Vorschulkinder an regelmäßige Bewegung und ausge- wogene Getränke- und Speisenaus- wahl heran. Hierdurch lässt sich bei diesen Kindern eine signifikante Stei- gerung des Obst- und Gemüsekon- sums und eine signifikant niedrigere Aufnahme unerwünschter Getränke (wie z. B. Softdrinks) bewirken. Hintergrund Neben der individuellen genetischen Dis- position sind Ernährungs- und Bewe- gungsgewohnheiten auch im Kindes- alter entscheidende Einflussfaktoren auf die Regulation des Körpergewichtes. Die starke Häufigkeitszunahme von Überge- wicht und Adipositas erfolgt bereits im Kindes- und Jugendalter [1, 2]: Dies zeigen u. a. auch die Auswertungen der Daten aus nahezu 1,9 Mio. Musterungsuntersu- chungen zwischen 1989 und 1998 [3]. In diesem vergleichsweise kurzen Zeitraum von nur 9 Jahren stieg die Prävalenz der Adipositas (BMI >30 kg/m 2 ) um das 1,7fa- che (!) von 3,4% (95%-CI 3,3–3,5) auf 5,7% (95%-CI 5,6–5,8) (. Abb. 1). Dabei zeig- te sich eine deutlich höhere Prävalenz bei schlechter Schulbildung. Die Adipositas- prävalenz im Jahre 1998 betrug 7,7% bei einem Schulbesuch <10 Jahre, 5,3% bei einem 10-jährigen Schulbesuch und nur 3,4% bei einem Schulbesuch >10 Jahre. Der relative Prävalenzanstieg über den Beobachtungszeitraum war jedoch in al- len Bevölkerungsgruppen vergleichbar. Diese Daten zeigen die wesentliche Be- deutung des Kindes- und Jugendalters für die epidemiologischen Veränderungen der Adipositas und ihrer Folgen. Für die Definition von Übergewicht und Adipositas im Kindes- und Jugend- alter wird derzeit überwiegend der BMI herangezogen, obwohl auch in diesem Alter Hinweise darauf bestehen, dass die Körperfettmasse und insbesondere die viszerale Fettmasse ein besserer Prädik- tor für ein ungünstiges metabolisches Ri- sikoprofil ist. Da sich der BMI zwischen Geburt und Erwachsenenalter altersab- hängig stark verändert (. Abb. 2), ist an- ders als im Erwachsenenalter ein einziger Grenzwert ungeeignet. Auf der Grundla- ge der für Deutschland etablierten Refe- renzwerte des BMI bei Kindern und Ju- gendlichen [4] werden Kinder mit einem BMI >90. Perzentile für das Alter als über- gewichtig klassifiziert, Kinder mit einem BMI >97. Perzentile als adipös. Die in .  Abb. 2  dargestellten Referenzwerte beruhen auf geglätteten Perzentilenkur- ven, die aus den gemessenen oder erfrag- ten Werten von 32.422 Kindern in 17 ver- schiedenen Studien zwischen 1985 und 1999 erstellt wurden. Es handelt sich hier also um statistisch begründete Referenz- werte der normalen BMI-Verteilung bei Kindern und Jugendlichen in Deutsch- land, die zum großen Teil vor dem Zeit- punkt der starken Zunahme der Überge- wichtsprävalenz vor allem in den letzten 2 Jahrzehnten erhoben wurden. International bestehen auch ande- re Referenzsysteme. So bezieht sich die International Obesity Task Force (IOTF) auf Grenzwerte, die auf der Berechnung derjenigen altersabhängigen Perzent- ilwerte beruhen, welche im Alter von 18 Jahren mit einem Wert von 25 (Über- gewicht) bzw. 30 (Adipositas) überein- stimmen [5]. Diese Grenzwerte wurden beim Vergleich der berichteten Überge- wichtsprävalenz bei 7–11jährigen Kindern in Europa herangezogen (. Abb. 3). Hier liegen die Kinder in Deutschland gemein- sam mit anderen mitteleuropäischen Län- dern im Mittelfeld. Eine besonders hohe Prävalenz findet sich mit 27% überge- wichtiger Kinder in Großbritannien und mit etwa jedem dritten Kind in den Mit- telmeerländern (.  Abb. 3). Die IOTF schätzt, dass von 77 Mio. Kindern in der europäischen Union etwa 14 Mio. überge- wichtig sind, mit einer Zunahme von et- wa 400.000 pro Jahr. Von diesen Kindern Redaktion B. Kohler, Bruchsal J. F. Riemann, Ludwigshafen 40 | Der Gastroenterologe 1 · 2011