Stätten biologischer Forschung / Places of Biological Research – Beiträge zur 12. Jahrestagung der DGGTB Verhandlungen zur Geschichte und Theorie der Biologie, Bd. 11, Berlin: VWB 2005, S. 367–388 367 Die Nomogenese: Evolutionstheorie jenseits von Darwinismus und Lamarckismus* Georg S. LEVIT und Uwe HOSSFELD (Jena) Zusammenfassung Die Nomogenese, eine antidarwinistische Evolutionstheorie, wurde in der ersten Hälfte des 20. Jahrhun- derts durch den russischen Biologen und Geographen Leo [Lew] S. BERG (1876–1950) begründet. BERG war einer der letzten großen enzyklopädischen Biologen des 20. Jahrhunderts, der STALINS Regime zudem überlebte. Seine Evolutionstheorie fasste BERG 1922 hauptsächlich in dem auf Russisch erschienenen Buch Nomogenesis or Evolution Determined by Law zusammen. Einige Jahre später (1926) folgte eine englische Ausgabe. Das Nomogenese-Buch kann als das kritischste antidarwinisch argumentierende Buch überhaupt angesehen werden. BERGS Theorie gründete sich auf empirisches Material in erheblichem Umfang und beinhaltete zudem die meisten wissenschaftlichen antidarwinischen Argumente seiner Zeit. Dabei bezog sich seine Kritik in erster Linie nicht auf Charles DARWIN (1809–1882) selbst, sondern vielmehr wandte er sich gegen die zeitgenössische Form des Darwinismus. BERG sah in dem Jenaer Zoologen Ludwig PLATE (1862–1937), dem Nachfolger Ernst HAECKELS (1834–1919), die Personifizierung des darwinistischen Denkens. PLATE vertrat in seinen Auffassungen eine Form des Darwinismus, der ohne lamarckistische Elemente nicht denkbar war. BERG hingegen postulierte die These, dass der Neolamarckismus nichts ande- res als ein tautologisches Forschungsprogramm sei, und unterstellte dem Darwinismus, sich nicht genü- gend vom Lamarckismus distanzieren zu können. Der vorliegende Beitrag versucht nun, anhand der evolutionstheoretischen Debatten im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts, die Geschichte und Komplexität dieser Theorie aufzuzeigen. Zudem wird versucht, die Rezeption und Entwicklung dieses Denkens bis in unsere heutige Zeit nachzuvollziehen und dabei den historischen Platz der Theorie im evolutionistischen Gedankengut zu definieren. Summary The Nomogenesis is one of the anti-Darwinian theories of the first half of the 20 th century articulated by a prominent Russian biologist and geographer Leo [Lew] S. BERG (1876–1950). BERG was one of the last encyclopaedic minds of the 20 th century surprisingly survived under the STALINS regime. The core of the BERGS theory was published in a book Nomogenesis or Evolution Determined by Law originally written in Russian (1922), but a few years later appeared in English (1926). Nomogenesis is arguably the strongest anti-Darwinian book ever published. The theory is based on an enormous volume of empirical data and incorporates the whole range of anti-Darwinian arguments of that time. Yet BERG revolted not only against DARWIN himself, but first of all, against the contemporary form of Darwinism. For BERG Darwinism was personified in the German zoologist Ludwig PLATE (1862–1937), a pupil of the »German DARWIN« Ernst HAECKEL. PLATE campaigned for the revival of the »original Darwinism«, which was for him unthinkable without a »moderate« Lamarckism. BERG, on the contrary, claimed that Neo-Lamarckism is a tautological * Überarbeitete Fassung eines Vortrages auf der 12. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Ge- schichte und Theorie der Biologie vom 2. bis 5. Oktober 2003 in Neapel. Der Beitrag entstand im Rahmen des von der DFG geförderten Projektes »Evolution ohne Genetik: Alternativtheorien in der Evolutionsbiologie des 20. Jahrhunderts« (Geschäftszeichen HO 2143/5–1; HO 2143/5–2). Alle Übersetzungen aus dem Russischen wurden von G. S. LEVIT übernommen.