Monatsschr Kinderheilkd 2008 · 156:748–756
DOI 10.1007/s00112-008-1731-x
Online publiziert: 10. Juli 2008
© Springer Medizin Verlag 2008
J. Kohn · G. Esser
Klinische Psychologie und Psychotherapie, Institut für Psychologie, Universität Potsdam
ADHS im Jugend-
und Erwachsenenalter
Leitthema
Die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyper-
aktivitäts-Störung (ADHS) gehört zu
den häufigsten psychischen Auffällig-
keiten im Kindesalter. Längsschnitt-
studien ergaben, dass bei vielen die-
ser Kinder das Vollbild bzw. Restsymp-
tome dieser Störung bis ins Jugend-
und Erwachsenenalter fortbestehen.
Daher gewinnt die ADHS in den letz-
ten Jahren auch im Erwachsenenbe-
reich zunehmend an Bedeutung.
Was wissen wir bisher über die Gemein-
samkeiten bzw. die Besonderheiten der
ADHS in den unterschiedlichen Alters-
stufen, die sich auf die Diagnostik und die
Behandlung auswirken könnten?
Epidemiologie
Entwicklungsverlauf
Dass die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyper-
aktivitäts-Störung (ADHS) nicht nur für
das Kindesalter eine wichtige Rolle spielt,
verdeutlichen die bisher vorliegenden
Längsschnittstudien.
72–85% der ursprünglich Diagnosti-
zierten erfüllen auch im Jugendalter die
ADHS-Kriterien vollständig bzw. teilweise
[4, 6]. Als Prädiktoren für eine persistie-
rende Störung erwiesen sich:
F familiäres Auftreten der ADHS bei
Verwandten ersten Grades,
F psychosoziale Belastungen und
F eine Komorbidität mit Störungen
des Sozialverhaltens, affektiven und
Angststörungen [6].
Die Entwicklung bis ins Erwachsenenal-
ter untersuchten Weiss et al. [36] in einer
15-Jahre Follow-up-Studie an 63 kana-
dischen Kindern. Sie stellten fest, dass 36%
der Betroffenen mit einem Durchschnitts-
alter von 25 Jahren mindestens ein Kern-
symptom der ADHS zeigten und dadurch
funktionelle Beeinträchtigungen aufwie-
sen, während dies in der Kontrollgruppe
nur für eine Person zutraf.
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ADHS-Symptome
persistieren teilweise bis
ins Erwachsenenalter
In einer New Yorker Kohorte wurden männ-
liche Personen im Alter von 18 und 25 Jah-
ren erneut untersucht. Dabei zeigten 40%
der Betroffenen mit 18 Jahren Voll- oder
Teilsymptome der ADHS im Vergleich zu
3% in der Kontrollgruppe, und mit 25 Jah-
ren erfüllten noch 8% die vollen DSM-III-
R-Kriterien für eine Diagnose [20]. Ge-
ringere Persistenzraten von 4% der Aus-
gangsstichprobe ließen sich an einer un-
abhängigen Stichprobe ermitteln [21]. Die
Höhe der Remissionsraten schwankt in
Abhängigkeit von der Definition [7] und
den Stichprobenmerkmalen [21]. Darüber
hinaus kam es im Entwicklungsverlauf zu
einer Abnahme der Symptome, die für die
3 Kardinalsymptome der ADHS unter-
schiedlich ausfiel. Die ausgeprägtesten Re-
missionen ergaben sich für die Hyperakti-
vität, während die Impulsivität und beson-
ders die Unaufmerksamkeit deutlich län-
ger persistierten [7].
In einer Mannheimer prospektiven epi-
demiologischen Längsschnittstudie zeigte
sich ein Diagnosewechsel der mit 8 Jahren
als hyperkinetisch diagnostizierten Kin-
der. Im Alter von 18 Jahren wiesen 40%
dissoziale Störungen auf, 55% waren stö-
rungsfrei, und selten erfolgte der Wechsel
zur emotionalen Störung [12].
Prävalenz
In einer aktuellen amerikanischen Unter-
suchung im Rahmen eines national re-
präsentativen Surveys [17] wurde die Prä-
valenz von ADHS bei den untersuchten
18- bis 44-Jährigen (n=3199) auf 4,4% ge-
schätzt. Vergleichbare Werte wurden in
anderen Studien berichtet, deren Diagno-
sen ebenso auf dem DSM-IV basieren [15,
24]. Es zeigte sich ein Überwiegen des
männlichen Geschlechts (relatives Risiko:
1,6) [17], jedoch weniger deutlich als für
das Kindesalter gefunden.
In einer Mannheimer Längsschnittstudie
lag die Prävalenz für hyperkinetische Syn-
drome im Alter von 13 Jahren bei 1,6% und
im Alter von 18 Jahren bei 1,1% [12]. Schät-
zungen auf der Grundlage der Prävalenzen
für das Kindesalter und der Persistenzraten
gehen von einer Auftretenshäufigkeit von
1–2,5% im Erwachsenenalter aus [34].
Symptomatik
Der Verlauf der ADHS vom Kindes- ins
Erwachsenenalter ist durch eine Verände-
rung der Symptome bestimmt. Während
im Kindesalter insbesondere die Hyper-
aktivität im Vordergrund steht, wird diese,
obwohl noch vorhanden, weniger sichtbar
und bleibt als innere Unruhe bestehen.
Bereits Jugendliche zeigen eine reduzierte
Hypermotorik, bei weiterhin bestehen-
den Defiziten in Konzentration, Organi-
sation und Arbeitsverhalten sowie zusätz-
liche oppositionelle Verhaltensweisen und
Autonomiebestrebungen [2].
E Bei Erwachsenen ist das
Störungsbild heterogener
als bei Kindern [38].
Redaktion
G. Schulte-Körne, München
D. Reinhardt, München
748
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Monatsschrift Kinderheilkunde 8 · 2008