F.Lederbogen · M. Deuschle · Isabella Heuser
Psychiatrische Klinik, Zentralinstitut für Seelische Gesundheit, Mannheim
Depression –
ein kardiovaskulärer
Risikofaktor
Zentrale Veränderungen
bei Depression
Die Pathomechanismen, die bei Patien-
ten mit rezidivierenden affektiven Er-
krankungen zu der erhöhten kardio-
vaskulären Morbität und Letalität füh-
ren, sind nur zum Teil bekannt. Will
man versuchen, diese Zusammenhänge
zu verstehen, müssen die metabolisch-
endokrinen Veränderungen betrachtet
werden, die typischerweise mit einer
Depression einhergehen (siehe auch
Tabelle 2).
Die Vermutung liegt nahe, daß die
Aktivierung dieses Streßsystems bei
der Vermittlung des erhöhten kardio-
vaskulären Risikos einen wichtigen
Stellenwert einnimmt; beteiligte Hirn-
strukturen sind unter anderem Hippo-
campus als übergeordneter Regulator
des HHN-Systems und Locus coeruleus
als Ursprungskern der noradrenergen
Neurotransmission.
Eine Aktivierung des HHN-Systems
ist bei der Mehrzahl der Patienten mit ei-
ner Major Depression nachweisbar [17
18]: Depressive sind im Vergleich zu
Kontrollprobanden im 24-Stunden-Se-
kretionsverlauf deutlich hyperkortisolä-
gen Studienteilnehmer, die initial höhe-
re Werte bezüglich der Depressivität
aufwiesen, auch nach Korrektur für
vorhandene Risikofaktoren (Geschlecht,
Körpergewicht, Zigarettenkonsum, Cho-
lesterinwerte, Blutdruck, körperliche
Aktivität u.v.a.m.) im Verlauf ein signifi-
kant höheres Risiko hatten, an einem
kardiovaskulären Ereignis zu erkran-
ken oder zu versterben (Tabelle 1).
Da die Mehrzahl der Studienteil-
nehmer auch bei Bestehen einer De-
pression unbehandelt blieb, wurde der
bisweilen geäußerte Verdacht, der be-
obachtete Effekt sei eine unerwünschte
Wirkung der eingesetzten Psychophar-
maka auf das Herzkreislaufsystem, ent-
kräftet. Eine adäquate antidepressive
Therapie scheint im Gegenteil eine Sen-
kung der Sterblichkeit aus „natürli-
chen“ Ursachen zu bewirken [3, 37].
In einem anderen Ansatz wurde
außerdem der ungünstige Einfluß einer
klinisch relevanten Depression auf den
Verlauf kardiovaskulärer Erkrankun-
gen und speziell den Myokardinfarkt
belegt [7, 12, 28]. Dies scheint vor allem
dann zuzutreffen, wenn eine rezidivie-
rende depressive Störung vorliegt.
Der Internist 10·99
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1119
Medizin aktuell: Depression und kardiovaskuläres Risiko
Internist
1999 · 40:1119–1121 © Springer-Verlag 1999
Depression und kardiovaskuläre
Erkrankungen scheinen in einer beson-
deren Beziehung zueinander zu stehen:
Depressive Patienten weisen eine
erhöhte Letalität und Morbidität für
kardiovaskuläre Erkrankungen auf,
diese wiederum haben bei Hinzutreten
einer Depression eine schlechtere
Prognose.
Wie sind diese Wechselwirklungen zu
verstehen? Ist dies eine direkte Auswir-
kung der Depression oder sind andere,
im Gefolge auftretende Faktoren betei-
ligt? Welches sind die Pathomechanis-
men, die diesen Effekt vermitteln? Diese
Fragen stehen im Mittelpunkt der Über-
sicht, die den aktuellen Kenntnisstand
zu diesem Thema zusammenfaßt.
Klinische und epidemiologische
Zusammenhänge
Es wurde schon früh erkannt, daß de-
pressive Patienten häufiger an soge-
nannten natürlichen Todesursachen ver-
sterben. Die erste veröffentlichte Unter-
suchung zu diesem Zusammenhang
stammt aus dem Jahre 1937 [31]. Spätere
Längsschnittbeobachtungen an unse-
lektierten und bei Studieneinschluß
frei von kardiovaskulären Erkrankun-
gen befundenen Probanden konnten
mehrheitlich nachweisen, daß diejeni-
Prof. Dr. med. Dipl.-Psych. Isabella Heuser
Psychiatrische Klinik, Zentralinstitut für Seelische
Gesundheit, J5, D-68159 Mannheim& / f n - b l o c k : & b d y :
„Angst und Depression stellen einen
unabhängigen Risikofaktor für eine
arterielle Hypertonie dar.“
Redaktion
U.K.Lindner, Heidelberg