Berichte zur Wissenschaftsgeschichte 18 (1995): Dokumentation und Information zyx 37 Dokumentation und Information Sozialgeschichte des allgemeinen Krankenhauses in Deutschland (1 9. und fruhes 20. Jahrhundert) Bericht uber die zyxwvu 5. Tagung der Internationalen Interdisziplinaren Arbeitsgemeinschaft zur Sozialgeschichte der Medizin, Universitat Dusseldorf, Institut fur Geschichte der Medizin, 1. bis 3. April 1993. Vom 1. bis 3. April 1993 fand in der Uni- versitat Dusseldorf die inzwischen funfte Internationale interdisziplinare Arbeitsge- meinschaft zur Sozialgeschichte der Medi- zin unter der Leitung von zyxwvut Alfons Labisch, Dusseldorf, und Reinhard Spree, Mun- chen, statt. Ziel der Arbeitsgemeinschaft war es, die entscheidende Umbruchsphase zu analysieren, in der sich das Kranken- haus von einer christlich-caritativen Ver- sorgungs- und Pflegeanstalt zu einer medi- zinischen Dienstleistungseinrichtung ent- wickelte. Sektion 1 war der Einfuhrung in die Geschichte des Allgemeinen Krankenhau- ses gewidmet. Robert Jutte, Stuttgart, gab einen Uberblick uber die Entwicklungsli- nien vom traditionellen Hospital zum modernen Krankenhaus im 16. bis 19. Jahrhundert. Jutte ging nach kurzen Bemerkungen zur Begriffsgeschichte vor allem auf das friihe moderne Krankenhaus ein, von Michel Foucault unter dem Begriff Protoklinik gefai3t. In der Protoklinik ver- anderte sich nicht nur der arztliche Blick. Vielmehr fand ein Strukturwandel statt, der gesellschaftliche Vednderungen und Probleme im Krankenhaus einer neuen in- stitutionellen Lijsung zufuhrte. Die mo- derne naturwissenschaftliche Medizin ist zyxwv - so Jutte - ,,ihrem Ursprung nach An- staltsmedizin und setzt die absolute Ver- fugbarkeit des Kranken voraus, damit die immer hoher gesteckten therapeutischen Ziele erreicht und der vie1 beschworene Fortschritt der Medizin gefordert wird". Da diese Voraussetzung im Prinzip noch wahrend groi3er Teile des 19. Jahrhunderts nur die armeren Bevolkerungsschichten erfullten, sei die Genese des modernen Krankenhauses ,,untrennbar mit der Ge- schichte der Armenfursorge verbunden". Reinhard Spree, Munchen, behandelte quantitative Aspekte der Entwicklung des Krankenhauswesens im 19. und 20. Jahr- hundert. Er betonte die Multifunktionali- tat der Krankenanstalten wahrend des groi3ten Teils des 19. Jahrhunderts. Eine eindeutige statistische Erfassung des mo- dernen Krankenhauses bis in die 1870/80er Jahre wird so nahezu unmog- lich gemacht. Diese Unklarheiten konkre- tisierte Spree anhand von Fallbeispielen aus dem Groflherzogtum Baden zwischen 1850 und 1880; Krankenanstalten nahmen in groi3em Umfang weiterhin Versor- gungs- und Aufbewahrungsfunktionen wahr. Zugleich liei3 sich mit diesem Mate- rial belegen, dai3 nahezu samtliche Anstal- ten, die ausschliei3lich oder uberwiegend heilbare Kranke versorgten, mit einem Ge- sellen- bzw. Dienstboten-Institut im Sinne einer Krankenhauskasse verbunden wa- ren. Im zweiten Teil seiner Pdsentation behandelte Spree die lan ristigen Ent- den 1870er Jahren bis zur Gegenwart. In der Sektion zyx Z ging es um die sozial- politischen Kdfte, die die Entwicklung des All emeinen Krankenhauses beein- flui3t ha % en. In einem ersten Papier stellte Eva Brinkschulte, Berlin, am Beispiel des Wurzburger Juliusspitals wahrend des frii- hen 19. Jahrhunderts das Gesellen- und das Dienstboteninstitut vor. Beide Insti- tute konnen als friihe Formen einer Kran- kenhausversicherung fur Berufsgruppen gelten, die typischerweise am jeweiligen wicklungslinien des Kran f ! enhauses seit z 0 VCH Verlagsgesellschaft mbH, D-69451 Weinheim 1995 0170-6233/95/0103-0037 $05.00+.25/0