Banale Kämpfe ?
Perspektiven auf Populärkultur und Geschlecht. Eine Einleitung
Paula-Irene Villa, Julia Jäckel, Zara S. Pfeifer, Nadine Sanitter,
Ralf Steckert
„I’m not a feminist“ proklamiert Lady Gaga (2009). Beth Ditto dagegen bezeich-
net sich selbst als „fat feminist lesbian from Arkansas“ (France/Wisemann 2008).
Die Positionierungen der Pop-Ikonen scheinen eindeutig. Das Feld, in das sie
intervenieren, jedoch nicht. So wird Lady Gaga in zahlreichen Artikeln ein femi-
nistischer bzw. geschlechterkritischer Impetus zugestanden,
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während Beth Ditto
mit dem Vorwurf konfrontiert wird, sie sei nicht mehr queer oder feministisch
genug.
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Viele Hörer_innen
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der Hit-Radios werden von beidem nichts wissen,
vielen Tanzenden in den Clubs wird dies alles reichlich egal sein; manche wer-
den keine Ahnung haben, was queer bedeutet und andere wird es wochenlang in
ihren Blogs beschäfigen. Die Vielfalt in den Selbstpositionierungen sowie den
Fremdzuschreibungen der beiden Stars ist ebenso wie ihre Live-Performances
und Musikclips paradigmatisch für das Feld der Populärkultur. Dass beide Stars
sich aufgerufen fühlen, sich zu ihrer politischen Haltung zu äußern, zeigt, dass
Populärkultur keine naive, keine reine Unterhaltungsmaschine jenseits von Sinn
und Verstand ist; vielmehr ist alles an Populärkultur – ihre Chifren, Styles, Zei-
chen, Texte, Medien, Formen, körperlichen Erfahrungen usw. – an sich und per
se mehrdeutig. Populärkultur eröfnet widersprüchliche Lesarten. Dies umso
1 Wie zum Beispiel „feministische Motive“ (Frankfurter Rundschau 2011), „Popfeminismus“
(Tsomou 2010) oder „Gender Bending Performances“ (Gamboa 2011).
2 So wird Beth Ditto, Sängerin der Band Gossip, vordergründig entpolitisiert, indem sie aus-
schließlich auf ihr Äußeres reduziert wird oder ihr Vorwürfe des ‚Ausverkaufs‘ gemacht wer-
den (vgl. beispielhaf Braily 2009: 38). Dies ist nur vordergründig eine Entpolitisierung insofern
auch die Reduktion von Künstlerinnen auf ihr Äußeres eine politisch informierte Strategie ist.
3 Der Unterstrich „_“, auch ‚Gender Gap‘ genannt, verweist im Anschluss an Stefen Kitty Herr-
mann auf eine Möglichkeit, Subjekte jenseits der Zweigeschlechtlichkeit zu repräsentieren (vgl.
Herrmann 2003). Statt eines Unterstrichs wird bisweilen auch ein „Gender-Sternchen“ verwen-
det mit dem ebenfalls auf die Konstruiertheit der Kategorie „Geschlecht“ verwiesen wird und
das an jeder beliebigen Stelle eines Wortes eingefügt werden kann, z. B. L*adyfest, Ladyf*est,
Lad*yfest etc.
Paula-Irene Villa et al. (Hrsg.), Banale Kämpfe?, DOI 10.1007/978-3-531-18982-6_1,
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