Dokumentation zwischen Legitimation, Steuerung und professioneller Selbstvergewisserung Zu den Auswirkungen digitaler Fach-Anwendungen Dokumentation in ihren verschiedenen Facetten gehört schon lange zum „täglichen Brot“ der Sozialen Arbeit. Zunehmend wird hier- zu Software in unterschiedlichster Form eingesetzt. Nicht ohne Folgen, wie eine Analyse der Funktionen und Implikationen von tech- nisierter Falldokumentation zeigt. Aktennotizen, Gesprächsprotokolle, Jahresbe- richte, Stellungnahmen und Hilfepläne – all das dient nicht nur der professionellen Selbstverge- wisserung, sondern auch der individuellen (ge- legentlich juristischen) Rechenschaft, sowie der (intra- und inter-) organisationalen Vernetzung und „In-Kenntnissetzung“. Gleichwohl werden die damit verbundenen Schreibprozesse in der Praxis nebenbei - und meist auch nicht mit größ- ter Hingabe - erledigt, in der Ausbildung und Forschung Sozialer Arbeit zudem noch viel we- niger beachtet und allzu häufig als profane büro- kratische Tätigkeit abgetan, die mit dem eigent- lichen professionellen Handeln, der Fallarbeit, wenig zu tun hätte. Matthias Moch stellt fest, dass „‚Dokumenta- tion’ kein gängiger Schlüsselbegriff in aktuellen Diskussionen über fachliche Entwicklungen“ der Jugendhilfe ist, im Unterschied etwa zu den Pfle- gewissenschaften (vgl. Moch 2004: 57; für die Pflege etwa Kollak 2011). Weiterhin zeigen sich Henes & Trede in einem der wenigen Sammel- bände zu diesem Thema erstaunt, wie wenig bislang über das Do- kumentieren in der Jugendhilfe nachgedacht wurde (2004: 5): denn einerseits gehört es zum selbstverständlichen Teil professio- nellen Handelns, konstituiert diesen gar und andererseits geht mit der Ökonomisierung und der Forderung nach Wirksamkeit und Wirtschaftlichkeit oft der Ruf nach geeigneten Verfahren der Do- kumentation einher (ebd.). Diese doppelte – und zuweilen wider- sprüchliche - Anforderung und Anrufung zeigt ein Spannungsfeld von Professionalisierung und managerialistischer Steuerung an, dem wir im Folgenden nachgehen möchten und zwar mit Blick auf digitale Formen der Dokumentation mittels gängiger Fach-Anwendungen. Fach-Software ist in vielen Arbeitsfeldern Sozi- aler Arbeit nicht mehr wegzudenken. Dies trifft insbesondere auf einzelfallbezogene Hilfen zu. In den Jugendämtern stellen bspw. entsprechen- de Fach-Anwendungen das Bindeglied zwischen Fallaufnahme und Hilfeplanung durch den ASD / BSD und Abrechnung der Hilfen zur Erzie- hung mit den Leistungserbringern durch die wirtschaftliche Jugendhilfe dar. Die Einfüh- rung von bzw. Ablösung alter Verfahren durch neue Software stellt für viele Organisationen eine große Herausforderung dar, insbesondere dann, wenn es sich um Software-Entwicklungs- projekte handelt, wie das Beispiel aus dem Ju- gendamt Hamburg (s. Kasten) zeigt. Von analogen und digitalen Akten Ungeachtet dessen, ob dieses Beispiel sympto- matisch für Prozesse der Einführung von Fach-Software ist, wird hier zweierlei deutlich: Fach-Software setzt einen - mitunter rest- ringierenden - Rahmen, der aber kreativ und widerständig ausge- füllt werden kann. Und: Fach-Software stellt ein Medium dar, in dem fachliche Praxen der Fallbearbeitung und Elemente von or- Abstract / Das Wichtigste in Kürze Dokumentation erfüllt verschiedene professions- und organisationsbezogene Funktionen. Der Artikel beleuchtet, welche Veränderungen sich hier durch den Einsatz von Fach-Software ergeben, etwa im Hinblick auf professionelles Handeln und Fall- Konstitution. Keywords / Stichworte Dokumentation, Mediatisierung, Informationstechnologien, Fach-Software, professionelles Handeln, Fallkonstitution Thomas Ley *1979 Dipl.-Soz.Päd., wissen- schaftlicher Mitarbei- ter im EU-Forschungspro- jekt SocIEty „Social Inno- vation – Empowering the Young for the Common Good“ an der Universi- tät Bielefeld, Fakultät für Erziehungswissenschaft, Bielefeld Center for Edu- cation and Capability Re- search; Arbeits- und For- schungsschwerpunkte: Jugendhilfeforschung, Or- ganisations- & Professi- onstheorien Sozialer Ar- beit, Informationstech- nologien in der Sozialen Arbeit, Methoden quali- tativer Sozialforschung thomas.ley@uni- bielefeld.de Udo Seelmeyer *1971 Dr. phil., Dipl. Päd., Pro- fessor für Wissenschaft der Sozialen Arbeit mit Schwerpunkt Sozialinfor- matik an der Fachhoch- schule Köln, Fakultät für Angewandte Sozialwis- senschaften. Geschäfts- führender Leiter des Kompetenzzentrums So- ziale Dienste an der Uni- versität Bielefeld (www. komsd.de) und des Ins- tituts für Sozialinforma- tik (www.ifs-bielefeld. de); Arbeits- und For- schungsschwerpunk- te: Informationstech- nologien in der Sozialen Arbeit, Jugendhilfefor- schung, Evaluations- und Praxisforschung. udo.seelmeyer@ fh-koeln.de 51 Sozial Extra 4 2014: 51-55 DOI 10.1007/s12054-014-0090-1 Praxis aktuell Mediatisierung der Sozialen Arbeit