Hautarzt 2007 · 58:308–313 DOI 10.1007/s00105-007-1288-y Online publiziert: 20. März 2007 © Springer Medizin Verlag 2007 M. Magerl · M. Maurer Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie, Allergie- Centrum-Charité, Charité – Universitätsmedizin Berlin Urtikaria „From bench to bedside“ Leitthema Die chronische Urtikaria (CU) gehört nach wie vor zu den häufigsten und am schwersten zu therapierenden Ur- tikariaerkrankungen. Auch die Dia- gnostik der CU und insbesondere die Zuordnung zu einer zugrunde liegen- den Ursache fällt im klinischen All- tag oft schwer [32]. Aus unterschied- lichen Bereichen der biomedizinischen Forschung haben zahlreiche Untersu- chungen der letzten Jahre dazu bei- getragen, dass sich unser Verständ- nis der Grundlagen, der Auslöser und der Ursachen sowie der Therapiemög- lichkeiten der CU erheblich verbessert hat. Diese Arbeiten beschreiben neue diagnostische Verfahren und deren Relevanz für eine zielgerichtete The- rapie, neue Instrumente für die Erfas- sung der Beeinträchtigung der Lebens- qualität bei CU-Patienten sowie die Entwicklung von Biomarkern, mit de- ren Bestimmung sich die Schwere und der Verlauf einer CU messen lassen. Noch haben nur wenige dieser neu- en Entwicklungen Eingang in den kli- nischen Alltag gefunden. Es ist jedoch davon auszugehen, dass viele der im Folgenden dargestellten Ergebnisse in der nahen Zukunft zu einer deutlichen Erweiterung unseres diagnostischen und therapeutischen Arsenals für die Betreuung von CU-Patienten führen werden. In den kommenden Jahren wird es deshalb von größter Wichtig- keit sein, diese Ergebnisse bisheriger Arbeiten auf ihre Wertigkeit und Re- produzierbarkeit zu testen und für die Anwendung im klinischen Alltag wei- terzuentwickeln. Pathogenese und Diagnostik der chronischen Urtikaria Die chronische Urtikaria (CU) ist als kli- nische Entität seit dem Altertum bekannt und beschrieben, und die Vorstellungen zur Ätiopathogenese haben sich im Lauf der Jahrhunderte mehrfach geändert. Seit einigen Jahren besteht Konsens darüber, dass viele verschiedene Ursachen, z. B. Intoleranzreaktionen auf Nahrungsmittel und Medikamente [22], Infekte [10] und autoreaktive Mechanismen [23], für das Auftreten einer CU verantwortlich sein können. Anfang der 1990er-Jahre ent- wickelten Greaves et al. das Konzept der Autoimmunurtikaria (AiU; [11, 15]). Da- nach entsteht die CU bei einem Teil der betroffenen Patienten durch autoimmu- nologische Vorgänge, d. h., der kutanen Mastzellaktivierung liegen Autoantikör- per- (AAK-)vermittelte Mechanismen zugrunde, wie sie auch bei anderen Au- toimmunerkrankungen gefunden wer- den [13]. Autoimmune Urtikaria Grattan et al. berichteten 1986, dass bei einem Teil der CU-Patienten nach Injek- tion von autologem Serum in die Haut ur- tikarielle Beschwerden (. Abb. 1) auftre- ten [12]. > Die autoimmune Urtikaria ist eine Unterform der autoreaktiven Urtikaria Diese Beobachtungen unterstützen die be- reits in den 1940er-Jahren durch Malmros beschriebenen Ergebnisse, die erstmals zeigten, dass intrakutane Injektionen von autologem Serum („Autotest“) bei Urtika- riapatienten zu „allergischen Hautverän- derung“ führen können [21]. Grattan et al. konnten zeigen, dass es bei einer positiven Reaktion im autologen Serumtest (ASST, „autologous serum skin test“) zu einer ra- schen und umfassenden Aktivierung kuta- ner Mastzellen kommt und dass die Stärke der ASST-Reaktion mit der Krankheitsak- Tab. 1 Potenzielle Biomarker für die Bestimmung der Schwere und des Verlaufs einer chronischen Urtikaria Marker für CU a CU-Aktivität b CU-Verlauf c Prothrombinfragmente F1+2 Ja ja ? p-Selektin Ja Ja Ja MMP-9 Ja Ja ? DHEAS Ja Ja Nein Vitamin B12 Ja ? ? Tryptase Ja ? ? Histamin Ja ? ? a Marker für CU: Gibt es signifikante Unterschiede zwischen CU-Patienten und einer gesunden Kon- trollpopulation? b Marker für CU-Aktivität: Gibt es eine Korrelation zwischen der Höhe der Werte des Biomarkers und der CU-Aktivität? c CU-Verlauf: Bilden die Werte des Biomarkers im Verlauf die klinischen Veränderungen ab? 308 | Der Hautarzt 4 · 2007