Ophthalmologe 2011 · 108:575–584
DOI 10.1007/s00347-011-2383-0
© Springer-Verlag 2011
H. Heimann
1
· Y. Yang
2
· J. Wachtlin
3
· D. Pauleikhoff
4
1
St. Paul’s Eye Unit, Royal Liverpool University Hospital, Liverpool
2
Wolverhampton & Midland Counties Eye Infirmary, Wolverhampton
3
Augenabteilung, Sankt Gertrauden-Krankenhaus, Berlin
4
Augenabteilung, St. Franziskus-Hospital, Münster
Unterschiede in der Therapie der
exsudativen altersabhängigen
Makuladegeneration in
Deutschland und Großbritannien
Das therapeutische Prinzip
Die Behandlung der exsudativen al-
tersabhängigen Makuladegenerati-
on (AMD) mit intravitrealer Injektion
von Medikamenten, die den „vascu-
lar endothelial growth factor“ (VEGF)
hemmen, stellt die bedeutendste In-
novation in der Augenheilkunde im
Laufe der letzten Jahrzehnte dar. Die
Einführung dieser extrem erfolg-
reichen, aber auch sehr teuren neu-
en Therapie erforderte von allen Be-
teiligten erhebliche Umstellungen.
Aufseiten der betroffenen Patienten
und Familien ist eine Neuorganisa-
tion des täglichen Lebens notwendig,
das nun zahlreiche Augenarzttermi-
ne, meist in Begleitung von Verwand-
ten oder Bekannten, und ggf. erheb-
liche zusätzliche und teilweise pri-
vat zu erbringende finanzielle Belas-
tungen ohne bisher absehbares En-
de umfasst. Aus augenärztlicher Sicht
stehen eingreifende, zum Teil sehr
kostenintensive Umstellungen der
Praxis- bzw. Klinikorganisation neu-
en Verdienstmöglichkeiten gegen-
über. Und schließlich stellt die neue
Therapieform eine auf dem Gebiet
der Augenheilkunde bisher beispiel-
lose neue Belastung für Krankenkas-
sen und Gesundheitsversorgung dar,
deren Finanzierung von Anfang an
in Zweifel gezogen wurde und de-
ren Fortsetzung in der jetzigen Form
nicht gesichert erscheint.
In diesem Beitrag beleuchten wir,
wie in Deutschland und Großbritan-
nien, 2 der größten Volkswirtschaften
in Europa (. Tab. 1, [1, 4]) mit jedoch
völlig unterschiedlicher Organisation
der Gesundheitssysteme, diese neue
Behandlung in die Praxis umgesetzt
wurde und wie zukünftige Behand-
lungsstrategien aussehen könnten.
Unterschiede des
Gesundheitssystems in
Deutschland und Großbritannien
Staatliche Gesundheitssysteme sind kom-
plizierte Strukturen, die bereits in der
Europäischen Union erhebliche Unter-
schiede aufweisen können [19]. Im We-
sentlichen sind 2 Grundorganisationen
zu unterschieden:
F das sog. „Bismarck-Modell“ und
F das „Beveridge-Modell“ [11].
Deutschland und Großbritannien wer-
de oft als Paradebeispiele für diese unter-
schiedlichen Modelle herangezogen.
Bismarck-Modell (Deutschland)
Dieses System wird über Sozialversiche-
rungssysteme, in der Regel gesetzliche
Krankenversicherungen (GKV), finan-
ziert. Die Beiträge zur GKV waren tra-
ditionell an ein Arbeitsverhältnis gebun-
den, wurden dann jedoch auf das Sozial-
versicherungssystem (Familienangehöri-
ge, Arbeitslose, Rentner) ausgeweitet. In
Deutschland überlässt der Staat die Ge-
staltung des Gesundheitswesens selbst-
verwalteten Körperschaften, wie etwa den
GKV, kassenärztlichen Vereinigungen
und den Verbänden der Krankenhaus-
träger. Weiterhin besteht noch die Be-
sonderheit, dass einem bestimmten Per-
sonenkreis die Wahl zwischen GKV und
privater Krankenversicherung möglich
ist. Zurzeit sind etwa 85% der Bevölke-
rung in Deutschland in 169 unterschiedli-
Tab. 1 Vergleich Deutschland und Großbritannien
Deutschland Großbritan-
nien
Bevölkerung 81.757.600 62.041.708
Bruttosozialprodukt, US-Dollar (Rang weltweit; [1]) 3.305.898 (4.) 2.258.565 (6.)
Geschätzter Anteil Gesundheitsausgaben am Gesamtbudget 2010 [18] 7,6% 7,6%
Anteil in einer Klinik beschäftigten Ärzte insgesamt [3] 46% 67%
Augenärzte pro 100.000 Einwohner [3] 6,6 2,3
Wissenschaftliche Publikationen Augenheilkunde 2002–2006 [12] 422 828
Quellen: International Monitary Found, European Commission.
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