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Der Onkologe 7•2002 686
Bei den akuten myeloischen Leukämien
(AML) handelt es sich um heterogene,
maligne Erkrankungen des hämatopoe-
tischen Systems, denen die maligne
Transformation einer hämatopoeti-
schen Vorläuferzelle zugrunde liegt [10].
Folge dieser Transformation ist ein
Verlust oder die Einschränkung des
Differenzierungspotenzials der Zellen
mit einem Ausreifungsstopp auf einem
frühen Stadium der Myelopoese. Bei er-
haltener Proliferationskapazität kommt
es zurAkkumulation der Blasten im Kno-
chenmark, später auch im peripheren
Blut und in extramedullären Organen
mit sukzessiver „Verdrängung“ der nor-
malen Hämatopoese im Knochenmark,
an deren Folgen der Patient unbehan-
delt innerhalb weniger Wochen ver-
stirbt. Haupttodesursachen sind Blutun-
gen und/oder Infektionen.
Inzidenz
Die Inzidenz der AML beträgt ca. 2,3/
100.000 Einwohner pro Jahr; die Häufig-
keit steigt mit dem Alter an (Tabelle 1).
Das mediane Erkrankungsalter unselek-
tionierter AML-Patienten liegt bei 62–64
Jahren. Die AML macht etwa 20% der
akuten Leukämien bei Kindern und
80% bei Erwachsenen aus (s. Übersicht
in [37]).
Die Ursache der malignen Entar-
tung ist bei der überwiegenden Mehr-
heit der Fälle unklar. Lediglich bei ca.
10% der Patienten finden sich in der
Vorgeschichte Hinweise auf Noxen, die
mit einem erhöhten Leukämierisiko as-
soziiert sind (z. B. Benzol, ionisierende
Strahlen, Rauchen etc.) [14]. Neuerdings
werden gehäuft sog. sekundäre Leukä-
mien nach vorangegangener Chemothe-
rapie mit Alkylanzien oder Podophyllo-
toxinderivaten gesehen [17]. Diese Sub-
stanzen wurden den Patienten in kurati-
ver Intention zumeist bei Lymphomen
oder soliden Tumoren verabreicht.
Einteilung
der akuten Leukämien
Die Einteilung der AML erfolgt nach
dem Verlauf in primäre bzw. De-novo-
AML, bei denen sich in der Anamnese
keine Hinweise für eine vorbestehende
Störung der Hämatopoese ergeben und
bei denen auch keine Exposition mit po-
tenziell leukämogenen Faktoren zu eru-
ieren ist. Sekundäre AML entwickeln
sich aus einem myelodysplastischen
Syndrom (MDS) oder nach vorheriger
Chemo- und/oder Radiotherapie bzw.
nach einem Malignom.
Morphologisch-zytochemische
Klassifikation der AML
Entsprechend der Morphologie der vor-
herrschenden Blastenpopulation wer-
den die AML den 8 Subgruppen der
French-American-British- (FAB)-Klas-
sifikation zugeordnet [3]. Obgleich in
der ursprünglichen Fassung der FAB-
Klassifikation nicht berücksichtigt, spie-
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Onkologe 2002 · 8:686–692
DOI 10.1007/s00761-002-0340-x
G. Heil · A. Ganser · Abt.Hämatologie/Onkologie, Medizinische Hochschule Hannover
Diagnostik und Therapie
der akuten myeloischen
Leukämien
© Springer-Verlag 2002
Prof. Dr. Gerhard Heil
Abt. Hämatologie/Onkologie, Medizinische
Hochschule Hannover,Carl-Neuberg-Straße 1,
30625 Hannover,
E-Mail: heil.gerhard@mh-hannover.de
Tabelle 1
Altersabhängige Inzidenz der AML
pro 100.000 Einwohner
Alter (Jahre) Männer Frauen
0–4 1,18 0,94
5–14 0,49 0,53
15–24 0,82 0,83
25–34 0,84 0,91
35–44 1,25 1,39
45–54 2,53 2,36
55–64 5,77 3,65
65–74 10,82 7,16
Ergebnisse der Data Collection Study des
Leukaemia Research Fund in Großbritannien.