Malte Brinkmann Aufmerken und Zeigen. Theoretische und empirische Untersuchungen zur pädagogischen Interattentionalität (2016) Die folgenden theoretischen und empirischen Untersuchungen wollen einen Beitrag für die pädagogische Bestimmung und Erforschung von Aufmerksamkeit als soziale und geteilte Praxis in pädagogischen Situationen im Unterricht leisten. Dieser Beitrag entwickelt im ersten Teil eine phänomenologisch orientierte Theorie pädagogischer Aufmerksamkeit. Im zweiten Teil wird diese für videographische Forschungen im Schulunterricht fruchtbar gemacht. Die pädagogische Theorie der Aufmerksamkeit wird im ersten Teil in fünf Schritten entwickelt. Sie wird zunächst bildungs-, erziehungs- und sozialtheoretisch als Korrelation von erzieherischem Zeigen (als Aufmerksam-Machen) und lernendem Aufmerken (als Aufmerksam-Werden) bestimmt (1). Geteilte Aufmerksamkeit bzw. pädagogische Interattentionalität wird dann genauer als interkorporales Geschehen im Unterricht exponiert, das von normativen Aspekten durchzogen ist (2). Mit einem anthropologisch- phänomenologischen Zugang wird danach pädagogisches Zeigen als Geschehen deutlich, indem jemandem von jemandem etwas als etwas vor anderen gezeigt wird. Pädagogisches Zeigen ist damit leiblich, sozial und transformativ strukturiert (3). Die pädagogische Übung ist die besondere Lernform, mit der Aufmerksamkeit eingeübt und bildende Erfahrungen ermöglicht werden können (4). Konkret erfordern pädagogische Übungen Ordnungen der Aufmerksamkeit, in denen erzieherisch Aufmerksamkeit mittels Zeigen erzeugt und fokussiert wird. Insofern ist pädagogische Interattentionalität auch eine Praxis der Macht. Diese manifestiert sich – wie in einem genealogischen Exkurs aufgezeigt wird – in zwei Praxen: in der Subjektivierung von Unaufmerksamkeit als Willensschwäche des Schülers und in der Pathologisierung des unaufmerksamen Schülers, der einer pädagogischen Normalisierung bedarf (5). Die fünf Aspekte einer pädagogischen Theorie der Aufmerksamkeit werden an Beispielen veranschaulicht, die aus dem Projekt SZENE der pädagogisch-phänomenologischen und videographischen Unterrichtsforschung stammen. Im zweiten Teil werden Ergebnisse aus dieser empirischen Forschung anhand von zwei Beispielen exemplarisch vorgestellt. Pädagogische Interattentionalität kann einmal im Zuge eines deprofessionalisierten und methodisierten Unterrichts zu einer Produktion von Unaufmerksamkeit führen – gleichsam als Effekt einer technisierten Unterrichtsform, die kollektives Lernen ermöglichen soll (6.1.). Sie kann auch – positiv gewendet – als intensive, fokussierte Praxis der pädagogischen Übung inszeniert werden (6.2.). Pädagogische Interattentionalität wird so als ambivalente und wechselseitige Praxis zwischen zeigendem Aufmerksam-Machen und lernendem Aufmerksam-Werden empirisch gehaltvoll beschrieben und intersubjektiv validiert. 1. Aufmerksamwerden und Aufmerksammachen Es gibt eine neue Aufmerksamkeit für das Phänomen der Aufmerksamkeit – nicht nur in der Phänomenologie (vgl. Waldenfels 2004; Blumenberg 2002), in den Kulturwissenschaften (vgl. Crary 2002; Assmann 2002), in der Psychologie und den Neurowissenschaften (vgl. Gallagher 2005; Breyer 2011), in der Medientheorie (vgl. Franck 2007) und in der evolutionären Anthropologie (vgl. Tomasello 2009), sondern auch in der Erziehungswissenschaft. Hier wird sie in unterschiedlichen Ansätzen unterschiedlich thematisiert. In systemtheoretisch orientierten Studien wird Aufmerksamkeit als Übergangsbegriff der pädagogischen Kommunikation zwischen Erziehung und Gesellschaft bestimmt (vgl. Kade 2011), in historischer Perspektive als Begriff bzw. Grundbegriff der Erziehungswissenschaft (vgl. Reh 2015; Scholz 2015; Prondczynsky 2007), in empirischen Untersuchungen im Hinblick auf