Armut und soziale Ausgrenzung
Olaf Groh-Samberg/Wolfgang Voges
1 Einleitung
Armut und soziale Ausgrenzung bezeichnen extreme Formen sozialer Ungleichheit
(▶ Soziale Ungleichheiten. Klassen und Schichten). Im Alltagsverständnis ist Armut häu-
fg mit Hunger und Unterernährung, Flucht, Obdachlosigkeit oder dem Leben in Slums
assoziiert, also Formen » absoluter Armut «, wie sie in weiten Teilen der Welt vorherrscht.
Armut ist jedoch stets relational zu den gesellschaflichen Verhältnissen zu verstehen. Im
Kontext entwickelter Wohlfahrtsstaaten bezeichnet Armut – häufg » relative Armut «
genannt – eine soziale Lage, die durch einen erheblichen Mangel an Ressourcen ge-
prägt ist, der es den Betrofenen nicht mehr erlaubt, in angemessener Weise am gesell-
schaflichen Leben teilzunehmen. Armut geht mit sozialer Isolation, gesundheitlichen
Risiken, eingeschränkter räumlicher Mobilität, geringen Bildungschancen, höheren so-
zialen Konfikten und Stressbelastungen, mangelnder Anerkennung, Scham, politischer
Demobilisierung und anderen Einschränkungen von Freiheits- und Handlungsspielräu-
men einher. Indem diese Einschränkungen, sofern sie über einen längeren Zeitraum an-
dauern, zugleich einem Ausschluss von verschiedenen gesellschaflichen Lebensberei-
chen gleichkommen, lässt sich Armut in entwickelten Wohlfahrtsstaaten auch als soziale
Ausgrenzung begreifen.
Armut ist zugleich eine sozialpolitisch unerwünschte oder » illegitime « Ausprägung
sozialer Ungleichheit, die die Gesellschaf zur Hilfeleistung verpfichtet. Dieser mora-
lische Imperativ, der bei der Rede von Armut mitschwingt, verweist auf die enge Ver-
bindung zwischen dem Armutsverständnis, wie es sich im europäischen Raum seit dem
Spätmittelalter herausgebildet hat, und der Entstehungsgeschichte des Wohlfahrtsstaa-
tes (▶ Sozialstaat und soziale Sicherheit). Wie Georg Simmel (1992: 551 f.) eingängig for-
muliert hat, entsteht die Kategorie des Armen » nicht durch ein bestimmtes Maß an
Mangel und Entbehrung, sondern dadurch, dass er Unterstützung erhält oder sie nach
sozialen Normen erhalten sollte. « Diese sozialen Normen fnden in der Institution der
Armenfürsorge ihren Ausdruck.
In der Beschäfigung mit Armut können mindestens vier Forschungsstränge un-
terschieden werden: Im engeren Sinne beschäfigt sich die Armutsforschung erstens
mit der Armutsberichterstattung, also der empirischen Messung und Analyse von
Armut, ihren zeitlichen Trends und den Risikogruppen. Dazu werden verschiedene Ar-
mutskonzepte auf der Basis von verfügbaren Daten angewendet. Die stärker theore-
S. Mau, N. M. Schöneck (Hrsg.), Handwörterbuch zur Gesellschaft Deutschlands,
DOI 10.1007/978-3-531-18929-1_4, © Springer Fachmedien Wiesbaden 2013