Georg W. Bertram 7 Das Kunstschöne: „apparition“, Vergeistigung, Anschaulichkeit Der Abschnitt mit dem Titel Das Kunstschöne: „apparition“, Vergeistigung, An- schaulichkeit richtet vor dem Hintergrund des vorangehenden Passus zum Na- turschönen den Blick auf den geistigen Charakter von Kunstschönheit, den Adorno im Sinne Hegels als paradigmatisch begreift. Insofern geht es hier um zentrale Bestimmungen dessen, was die Schönheit der Kunst ausmacht. Im Ge- samtzusammenhang der Ästhetischen Theorie kommt dem Abschnitt die Aufgabe zu, den Zusammenhang zwischen der anschaulichen sinnlich-materialen Gestalt von Kunstwerken und ihrer geistigen Dimension zu klären. Mit Blick auf die Praxis mit Kunstwerken geht es damit darum, wie diese sich verstehen lassen. Drei Fragen stehen im Zentrum der hier zu kommentierenden Überlegungen: Inwiefern sind Kunstwerke erstens mehr als ihre materiale bzw. sinnlich manifeste Gestalt? Wie lässt sich das Mehr, von dem in der ersten Frage die Rede ist zweitens als Schrift oder Sprache fassen? Und welche spezifische Zeitlichkeit ergibt sich drit- tens dadurch mit Blick auf die Verfasstheit des Kunstwerks als eines geistigen Gegenstands? Adorno gebraucht insbesondere drei Begriffe, um die erste der genannten Fragen zu beantworten. So spricht er von einem „Mehr“, der „Transzendenz“ und dem „Geist“ von Kunstwerken, um die Dimension zu charakterisieren, die nicht in der materialen und sinnlich manifesten Gestalt aufgeht. Seine These lautet, dass die mit diesen Begriffen umrissene Dimension in der idealistischen Philosophie unzureichend begriffen wurde. Unabhängig von der Frage, ob und wie die von Adorno kritisierte Position tatsächlich in idealistischen Ästhetiken vertreten wurde (am ehesten wohl in der Kunstphilosophie Schellings; Schelling 1985, 680 – 697), lässt sie sich folgendermaßen umreißen: Kunstwerke realisieren ein ideales In-eins von sinnlich-materialer Gestalt und geistigem Gehalt. Dies impli- ziert, dass ein Kunstwerk unmittelbar zu verstehen ist. Gerade gegen diese Im- plikation des kritisierten idealistischen Kunstverständnisses wendet sich Adorno mit seiner Antwort auf die zweite Frage, indem er auf den spezifischen Schrift- charakter von Kunstwerken verweist. Kunstwerke sind ihm zufolge Gegenstände, denen weder unmittelbar noch mittelbar eine Bedeutung entnommen werden kann, sondern die nur momenthaft Sinnzusammenhänge aufscheinen lassen. Es geht so in der Auseinandersetzung mit Kunstwerken als Schrift nicht um eine Entzifferung, die Rezipierende von sich aus leisten könnten (siehe Hofstätter, Eusterschulte). Sie setzt vielmehr, und darin liegt Adornos Antwort auf die dritte https://doi.org/10.1515/9783110672190-009