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DUECK- β -INSIDE / DAS ZAHLENWAHLSPIEL, DIE FINANZKRISE ...
Das Zahlenwahlspiel, die Finanzkrise
und mein Geduldigkeitsproblem
Mein Sohn Johannes kam nach
Hause und erklärte mir das
Zahlenwahlspiel aus seiner Ökono-
mievorlesung, mit dem die Unlogik
des Menschen sichtbar gemacht
werden soll. ,,Und was schließt man
daraus?“ – ,,Papa, Menschen sind
beweisbar irrational.“ – ,,Johannes,
das wissen alle Menschen – au-
ßer den Ökonomen natürlich. Was
schließen die denn nun aus dem
Spiel?“ Die Studenten hatten lei-
der nur mit großem Engagement
gespielt und über die eigenen Ver-
haltensweisen gestaunt. Am selben
Abend fiel mir aber ein, dass damit
eine Menge über die Finanzkrise er-
hellt wird – und über mich auch.
Das muss ich jetzt sofort loswerden.
Das Zahlenwahlspiel –
alle Jahre wieder
In seinem berühmten Buch The ge-
neral theory of interest, employment
and money diskutiert John Mey-
nard Keynes das Problem, bei einem
Preisausschreiben für einen Schön-
heitswettbewerb den ersten Preis zu
gewinnen. Ich erkläre es gleich so,
wie es heute oft vorkommt (nicht
genau wie in dem Buch): In einer
Zeitung werden 100 schöne Frauen
abgebildet. Die Zeitungsleser sollen
,,die Schönste“ auswählen und ein-
schicken. Die Einsendungen werden
ausgewertet; die Frau mit den meisten
Nennungen ist die schönste. Der Clou:
Unter allen denjenigen Einsendern,
die selbst auf die im Nachhinein fest-
gestellte Schönste getippt haben, wird
ein Hauptpreis ausgelost. Es kann also
nur gewinnen, wer ,,richtig lag“.
Damit sollen die Zuschauer na-
türlich vom albernen Spaßtippen
abgehalten werden, wie zum Beispiel
Daniel Küblböck – wie geschehen –
unter die zwanzig wichtigsten Deut-
schen aller Zeiten zu wählen. Die
Teilnehmer sollen sich anstrengen
und genau überlegen, welche die
schönste Frau ist! Die gutwilligen nai-
ven Zeitungsleser wählen also ihre
Favoritin und senden den Tipp ein.
Ganz Schlaue, die gar nicht an der
Wahl an sich interessiert sind und nur
den Preis gewinnen wollen, merken
sofort, dass sie nicht die für sie selbst
schönste Frau aussuchen sollten, son-
dern eine, die für den Durchschnitt
der normalen Leute am schönsten
aussieht! Zum Gewinnen in diesem
Wettbewerb hilft es zum Beispiel
nichts, Katharine Hepburn schön zu
finden und als Schönste zu deklarie-
ren, wenn auch Paris Hilton unter den
Kandidatinnen ist.
Wer gewinnen will, muss sich also
in den Massengeschmack hineinver-
setzen und darüber nachdenken, was
sich die mehr unbedarfteren Naturen
überlegen werden. Die Unbedarften
sehen die Sache ja als gutwilliges Mit-
machen bei einer Schönheitswahl an
und nicht als Wettbewerb um Geld.
Halten Sie bitte kurz bei diesem
Gedanken inne? Die einen nehmen
die Aufgabe ernst, eine Wahl zu tref-
fen, die anderen denken nur über den
möglichen Gewinn nach und tippen
auf die Frau, die höchstwahrschein-
lich gewählt wird, egal ob sie ihnen
selbst gefällt oder nicht! Das sind
verschiedene Ansätze, mit der Auf-
forderung zur Wahl umzugehen. Die
Profitdenker oder Homines Oeco-
nomici überlegen sich also, was die
anderen denken. Sie nehmen dabei
gewöhnlich an, dass so schlaue Leute
wie sie selbst wahrscheinlich in der
Minderzahl sind, und tippen auf eine
der Frauen, die gewöhnliche Leute
schön finden.
Prof. Dr. Gunter Dueck
IBM Distinguished Engineer
DUECK@DE.IBM.COM
www.omnisophie.com
Angenommen aber, alle Leute
sind so schlau – und angenom-
men, das wissen sie alle gegenseitig
voneinander. Was sollen sie dann ma-
chen? Sie müssen sich überlegen, was
total schlaue Menschen im Durch-
schnitt denken, was die anderen total
schlauen Menschen denken ... Was
werden die dann tippen? Wieder Paris
Hilton oder Pam Anderson?
Das wird so schwierig, dass die
Mathematiker die Fragestellung lie-
ber in eine konkret analysierbare
Zahlensituation gekleidet haben. Das
Zahlenwahlspiel geht so:
Viele Mitspieler (viele – sonst
gibt es keine schönen Ergebnista-
bellen) wählen eine Zahl zwischen
0 und 100. Irgendeine. Danach be-
rechnet man den Durchschnittswert
aller genannten Zahlen und zieht
davon ein Drittel ab – oder mul-
tipliziert ihn mit 2/3. Derjenige
Spieler, dessen Zahl dem Zielwert
(zwei Drittel vom Durchschnitt) am
nächsten kommt, gewinnt den Preis.
DOI 10.1007/s00287-009-0409-7
© Springer-Verlag 2009
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