George Leaman Die Universitätsphilosophen · der »Ostmark« In »Heidegger im Kontext«, Argument-Sonderband 205, veröffentlichte G.L. Kurzbiographien der Philosophen m Deutschen Reich in den Grenzen von 1937; .. hier ergänzt er diejenigen auf dem Gebiet des heutigen Osterreich, die Bearbeitung der übrigen besetzten Gebiete erhoffen wir noch. Will man die Entwicklung der Philosqphie in Österreich wäh- rend der NS-Zeit verstehen, so gilt es, zwei Fragen zu beantwor- ten. Erstens, in welcher Beziehung standen Philosophie und Na- tionalsozialismus damals zueinander, und zweitens, wie standen die österreichischen Philosophen zum Nationalsozialismus? Man kann diese beiden Fragen nicht voneinander getrennt behandeln und ich hoffe, mit einer teilweisen Antwort auf zweitere zur Be- antwortung ersterer beizutragen. Dabei weise ich die Auffassung zurück, daß es im Kern des Nationalsozialismus so etwas wie ein einheitliches Theoriegebäude gegeben hat, das die Grenzen der politisch akzeptablen geistigen Aktivität bestimmt hätte. Ich schließe mich vielmehr der Meinung des Philosophen Hans Sluga an, derzufolge die Nazi-Weltanschauung »in Wirklichkeit ein Pot- pourri der verschiedensten und unverträglichsten Ideen« war. »Wenn Einheitlichkeit der Perspektive die notwendige Bedingung einer Weltanschauung ist, dann ... gab es die nationalsozialistische Weltanschauung eigentlich nie.« 1 Es gab, so Sluga, keine alleinige Philosophie des Nationalsozialismus; dieses Theorievakuum er- möglichte es Dutzenden mit dem Nationalsozialismus sympathi- sierenden Philosophen verschiedenster philosophischer Ausrich- tung, in ihrem jeweiligen Werk die theoretischen Grundlagen des Nationalsozialismus zu suchen. Wenn wir uns diesen Standpunkt zu eigen machen, so hat dies unübersehbare Auswirkungen auf die Untersuchung der philosophischen Wurzeln des Nationalso- zialismus. »Methodisch gesprochen heißt das, daß ... wir versu- chen zu zeigen, wie Philosophen verschiedenster Provenienz sich dem multiformen Phänomen des Nationalsozialismus annähern konnten.« 2 Um dies im österreichischen Kontext tun zu können, sollten wir die Laufbahnen der in den Jahren zwischen dem An- schluß und dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Österreich täti- gen Philosophen näher betrachten. In dieser Arbeit werde ich die ' Hans Sluga, Die verfehlte Sendung. Die Philosophie und der National- sozialismus, in: Der geistige Anschluß. Philosophie und Politik an der_ Universität Wien 1930-1950. WUV, 1993, S. 13. 2 Ibid., S. 15. 1 Dies betrifft lediglich die Philosophen, deren Habi!itationsverfahren abgeschlossen war und die einen Lehrauftrag in Philosophie oder einer Verbindung aus Philosophie und einer anderen Disziplin (z.B. Psycho- logie) innehatten. Die Laufbahnen der Assistenten und der Philosophen an den kirchlichen Hochschulen ebenso wie die jener Philosophen, die keine Lehraufträge an Universitäten innehatten, bleiben noch zu unter- suchen. Eine eingehendere Schilderung der deutschen Philosophie in der NS-Zeit findet sich in meiner Arbeit Heidegger im Kontext. Hamburg: Argument Verlag, 1993. 5 Kritische Theorie im Stil der Frankfurter Schule wurde in Na- zi-Deutschland sogar weiterhin veröffentlicht. Siehe z.B. Heinz Maus , Zur gesellschaftlichen Funktion der Soziologie, in: Archiv für Rechts- und Sozialphilosophie, Band 33 (1940), S. 149-186. Mein Dank für diese Information geht an Carsten Klingemann. ,., ... die wirklichen Nazis hatten doch gar kein Interesse an uns, Hans-Georg Gadamer im Gespräch mit Dörte von Westernhagen«, in: Das Argument, Nr. 182 0uli/August), S. 547. ' Karl Löwith, Mein Leben in Deutschland vor und nach 1933. Frank- furt/M: Fischer Verlag, 1989, S. 10. 8 Eine vollständige Liste aller deutschen Philosophen in der NSDAP findet sich in Heiiiegger im Kontext, S. 104-5. wesentlichen Angaben über jene Philosophen mitteilen, die an den Unversitäten von Graz, Innsbruck und Wien arbeiteten.' Eine kurze Betrachtung der Situation, wie sie sich den deut- schen Philosophen mit der Machtübernahme durch die NSDAP 1933 darbot, ist in diesem Zusammenhang als Hintergrund für die lnterp~~tation dieser Informationen von Nutzen! In Deutsch- land und Osterreich waren Universitätsprofessoren Karrierebeam- te und unterlagen daher den gesetzlichen Bestimmungen für Staatsbedienstete. Die erste größere Veränderung in diesem Zu- sammenhang führten die Nazis mit dem »Gesetz zur Wiederher- stellung des Berufsbeamtentums« vom 7. April 1933 herbei, das zu einer Welle von Entpflichtungen an deutschen Universitäten führte. Beamte »nicht-arischer« Abstammung oder Beamte, deren bisherige politische Betätigung für die NSDAP-DNVP-Koaliti- onsregierung unannehmbar war, wurden entweder entlassen oder in den Ruhestand versetzt. Es war dies der erste Schritt in einer Reihe repressiver Maßnahmen, die gegen Philosophen gesetzt wurden. In jedem Fall richteten sich diese Maßnahmen gegen be- stimmte Personengruppen (z.B. »Juden« und »Kommunisten«), nicht gegen Einzelpersonen. Die Unterdrückung mittels gesetzli- cher Bestimmungen war auch nie gegen bestimmte philosophi- sche Lehren gerichtet. Obwohl das Institut für Sozialforschung in Frankfurt geschlossen und bestimmte Formen philosophischen Gedankenguts auf das heftigste kritisiert wurden, gab es keine philosophische Lehre, die ausdrücklich von den deutschen Univer- sitäten verbannt worden wiire. 5 Auf die meisten deutschen Philo- sophen hatten die repressiven Gesetze keine nachteiligen Auswir- kungen und der Großteil unterstützte die NSDAP-DNVP-Koali- tion, als sie die Regierung übernahm. Der Sturz der Weimarer Re- publik, die Ablehnung des Friedensvertrags von Versailles, die deutsche Wiederaufrüstung und die Forderung der Nazis nach Vereinigung aller Deutschen in einem Großdeutschen Reich wa- ren höchst willkommen und spiegelten das wider, was Gadamer »Hitlers geniale Erpressungspolitik« nannte." Darüberhinaus wa- ren die meisten zumindest bereit, die Entfernung der Juden von den Hochschulen zu tolerieren, da sich diese doch, wie man an- nahm, auf »das ,Weltjudentum, und seine internationalen Verbin- dungen« verlassen konnte, um sich neue Stellungen im Ausland zu besorgen.' Viele Philosophen profitierten sogar von der antise- mitischen Repression der Nazis, indem sie zu Posten kamen, die vorher jüdische Kollegen innegehabt hatten. Dutzende deutscher Philosophen traten in den Jahren 1923 bis 1942 8 der NSDAP bei; es bestand für sie kein Zwang dazu und ihr berufliches Weiterkommen wäre auch ohne Parteimitgliedschaft möglich gewesen. Mehr als die Hälfte der Philosophen, die wäh- rend der NS-Zeit an Universitäten im früheren Reichsgebiet Po- sten bekleideten, traten der Partei nicht bei. Allerdings wurde auch von diesem Personenkreis das Naziregime weitgehend unter- stützt. Viele dieser Philosophen schlossen sich Naziorganisatio- nen wie dem NSD-Dozentenbund oder dem NS-Lehrerbund an; insgesamt waren etwa zwei Drittel aller Philosophen in Deutsch- land Mitglieder der NSDAP oder einer ihrer universitären Orga- nisationen. Dies bedeutet jedoch nicht, daß sich das übrige Drittel automatisch aus Nazigegnern zusammensetzte. Manche (wie Hans Freyer, Hermann Glockner und Max Wundt) waren eifrige Befürworter des NS-Regimes, wenn sie auch keiner der Naziorga- nisationen angehörten. Andere Nichtorganisierte (wie etwa Ru- dolf Zocher) waren seit langem apolitisch und lehnten es ab, ir- gendeiner Partei beizutreten; sie akzeptierten damit stillschwei- gend das Regime und konnten sich weiter ihrer Laufbahn wid- men. Es gab jedoch einige wenige Philosophen, die sich von der NSDAP distanzierten und offen Aspekte der NS-Politik zurück- wiesen. So kritisierte zum Beispiel Theodor Litt den biologischen Rassegedanken der NS-Weltanschauungslehre in öffentlichen Vor- trägen. Er wurde deswegen von der Leipziger Studentenschaft und vom .Völkischen Beobachter, angegriffen, was 1937 zu sei- nem »Rücktritt auf eigenen Antrag« führte. Zumindest ein Philo- soph, Kurt Huber, war sogar an konspirativen Widerstandsaktio- nen beiteiligt. Er wurde 1943 wegen seiner Kontakte zur »Weißen Rose« hingerichtet. Huber war jedoch eindeutig eine Ausnah- meerscheinung. Die meisten deutschen Philosophen waren Mit- glieder von Naziorganisationen bzw. Anhänger der bekannten April 1994 Uni-Nazisophen 25