Tradierte gesellschaftliche Konfliktlinien und ihre Einflüsse auf das ungarische Parteiensystem Melani Barlai 1 Einleitung Nach dem Systemwechsel 1989/1990 gewann das neu entstandene Parteiensystem in Ungarn im Vergleich zu anderen Staaten der Region sehr schnell eine stabile Struktur. Bereits zuvor war eine Reihe von politischen Parteien neu- bzw. wie- dergegründet worden, sodass bereits vor den ersten demokratischen Wahlen im Frühjahr 1990 die Grundstrukturen eines pluralistischen Parteiensystems vorhan- den waren. Fünf der sechs Parteien, die nach den ersten freien Wahlen 1990 in das Parlament einzogen, waren dort auch noch in der fünften demokratischen Legisla- turperiode zwischen 2006 und 2010 vertreten. In dem zunächst dreidimensionalen Parteiensystem ließen sich grob christlich-konservative, liberale und sozialdemo- kratische Parteien unterscheiden. Im Laufe der ersten beiden Legislaturperioden entwickelte sich aus dieser Grundstruktur ein bipolarer Parteienwettbewerb, in dem je eine große Partei das linke bzw. das rechte Lager dominierte. Daneben gelang regelmäßig zwei bis drei kleineren Parteien der Einzug ins Parlament. Auf der linken Seite des politischen Spektrums formierte sich die im Okto- ber 1989 aus der kommunistischen Ungarischen Sozialistischen Arbeiterpartei (Magyar Szocialista Munkáspárt, MSZMP) als Nachfolgepartei hervorgegangene Ungarische Sozialistische Partei (Magyar Szocialista Párt, MSZP) als stärkste Kraft. Nach ihrem schlechten Abschneiden in den ersten demokratischen Wahlen im Frühjahr 1990 konnte sie sich schnell als sozialdemokratische Partei profilieren M. Barlai (B ) Andrássy Universität Budapest, Budapest, Ungarn E-Mail: melani.barlai@andrassyuni.hu © Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2021 E. Bos und A. Lorenz (Hrsg.), Das politische System Ungarns, https://doi.org/10.1007/978-3-658-31900-7_5 93