Karl Katschthaler Versuch über das Unverdauliche. Lektüregänge in Canettis Stimmen von Marrakesch Als unverdaulich bezeichnen wir etwas, was unseren Verdauungsorganen Schwierigkeiten macht, was ihnen widersteht. Wir wissen, das es außerhalb unserer selbst bleiben wird. Wenn wir trotzdem versuchen, es uns einzuverleiben, müssen wir es früher oder später, auf die eine oder andere Weise wieder ausscheiden, damit es uns nicht von innen zerstört oder zumindest schädigt. Es selbst bleibt dabei unversehrt. Es ist nicht verwertbar, nicht aussaugbar, wir können es nicht einverleiben in unseren Körper, nicht einbauen in unsere Zellstrukturen, es löst sich nicht auf, es geht nicht in uns auf. Doch auch im übertragenen Sinn können wir von Einverleiben sprechen als das, worauf letztlich Erkenntnis hinausläuft. Nicht ohne Grund sprechen wir von der Aneignung von Wissen, ja sogar von Internalisierung. Unverdaulich in diesem Zusammenhang könnte das Fremde sein, das sich uns entzieht, das unreduzierbare Fremde. Als das „radikale Fremde“, Bernhard Waldenfels´ dritte Steigerungsstufe des Fremdseins 1 , steht es außerhalb jeder Ordnung und stellt so die Möglichkeit der Interpretation überhaupt in Frage. Es lässt sich nicht verdauen, nicht aussaugen und verwerten, nicht einbauen in unsere Wissensstrukturen. Auf diese Weise aber fordert uns das Fremde heraus, die Beunruhigung, die von ihm ausgeht, weckt, wie Nietzsche meint, das Bedürfnis, „unter allem Fremden, Ungewöhnlichen, Fragwürdigen Etwas aufzudecken, was uns nicht mehr beunruhigt“ 2 . Dieses Erkennen kann verschiedene Formen annehmen, die jedoch alle als ihr Gemeinsames die Aneignung, die Einverleibung haben. Denn nicht nur der verwertenden Tendenz „im ethnologischen und psychiatrischen Diskurs“, sondern auch den anderen drei Tendenzen, die Mario Erdheim unterscheidet 3 , liegt diese Struktur zu Grunde. Diese Tendenzen, die sozusagen das Fremde verdaulich machen, sind folgende: 1 Bernhard Waldenfels: Topographie des Fremden. Studien zur Phänomenologie des Fremden 1, F./M. 1997, S. 35ff. 2 zitiert nach Waldenfels: 1997, S. 49 3 Mario Erdheim: Psychoanalyse und Unbewußtheit in der Kultur, F./M. 1988, S. 16ff.