Die subjektive Sicht von Klienten einer Beratungsstelle für Familien mit einem psychisch kranken Elternteil Familiärer Hintergrund und Inanspruchnahme S. Krumm, C. Lahmeyer, R. Kilian, T. Becker Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie II am BKH Günzburg (Ärztlicher Direktor: Prof. Dr. med. T. Becker) Schlüsselwörter Psychisch kranke Eltern, Beratung, subjektive Sicht Zusammenfassung Hintergrund/Ziel: Vor dem Hintergrund, dass eine psy- chische Erkrankung das gesamte Familiensystem belastet, wurde an einer psychiatrischen Klinik ein Beratungsange- bot für Familien mit einem psychisch kranken Elternteil ein- gerichtet. In der vorliegenden Arbeit werden die subjektiven Sichtweisen der Klienten der Beratungsstelle hinsichtlich des familiären Problemhintergrundes und der Inanspruch- nahme vorgestellt. Methoden: Es wurden 14 leitfadengestützte problemzen- trierte Interviews mit den Klienten der Beratungsstelle durchgeführt und inhaltsanalytisch ausgewertet. Ergebnisse: Die Mehrzahl der Interviewten berichtet von Verhaltensauffälligkeiten der Kinder. Diese werden jedoch teilweise relativiert bzw. nicht mit der psychischen Erkran- kung verknüpft. Die betroffenen Mütter sowie die Partnerin- nen psychisch erkrankter Männer äußern sowohl Überfor- derungen durch die Erziehungsaufgaben wie auch Schuld- gefühle gegenüber ihren Kindern. Das insgesamt positiv bewertete Beratungsangebot führte aus Sicht der Inter- viewten teilweise zu Veränderungen. Keywords Mentally ill parents, counselling service, subjective views Summary Objective: There is strong evidence suggesting that parental mental disorder affects the family as a whole. However, mental health service provision in Germany up until now has hardly lived up to the needs of these families. Thus, a counselling service for families with a mentally ill parent has been established at a psychiatric hospital serving a large catchments area in rural Bavaria. This qualitative study focuses on the clients' family background as well as on their reasons for utilising the service and service satisfac- tion. Methods: Problem-focussed interviews of 14 clients of a service for families with a mentally ill parent were subjected to content analysis. Results: Most clients came to the counselling centre be- cause of worries that the parent's mental illness might negatively affect children's well-being. However, other clients, by refusing the idea of a relation between their mental disorder and the children’s problems, tended to qualify their children’s behaviour. Mentally ill mothers in particular described their daily lives as utterly burdensome and also reported strong feelings of guilt towards their children. Clients assessed the counselling service as helpful and reported some significant changes. Subjective views among users of a counselling ser- vice for families with a mentally ill parent – family background and service use Nervenheilkunde 2008, 27: 545–552 545 © 2008 Schattauer GmbH Eingegangen am: 17. Dezember 2007; angenommen am: 5. März 2008 Nervenheilkunde 6/2008 L eidet ein Elternteil an einer psy- chischen Erkrankung, ist die gesam- te Familie davon betroffen (1, 2): Die Kinder psychisch kranker Eltern stellen eine Risikogruppe für die Ausbildung psy- chischer Auffälligkeiten dar (3–5). Bei den erkrankten Elternteilen kann es aufgrund ei- ner Überforderung durch die Erziehungs- und Beziehungsarbeit sowie über die daraus resultierenden Schuldgefühle zu einer Ver- schlechterung des psychischen Gesund- heitszustandes kommen, was sich wieder- um negativ auf deren Erziehungsfähigkeit auswirkt (6). Nicht selten sind die Familien finanziell geschwächt, sozial ausgegrenzt und treten aufgrund der durch die psy- chische Erkrankung belasteten Partner- schaft als Einelternfamilien in Erscheinung (4, 7–9). Das familiäre System verfügt je- doch über wertvolle Ressourcen, die es im Interesse aller beteiligten Akteure zu nutzen gilt (10). Hilfs- und Unterstützungsangebo- te sind daher nicht auf die Kinder psychisch kranker Eltern zu beschränken, sondern vielmehr auf die betroffenen Elternteile und deren Partner (bzw. weitere Angehörige) auszuweiten (11, 12). Sie sollten daher zum einen an den Bedürfnissen des gesamten Fa- miliensystems orientiert sein. Da sie in der Regel über die Eltern erfolgen, sollten sie zum anderen weitgehend nicht-invasiv wie auch niederschwellig beschaffen sein. Es erscheint sinnvoll, dem erkrankten El- ternteil spezifische Hilfen und Unterstüt- zung während eines psychiatrischen Auf- enthaltes anzubieten. Die Thematisierung der familiären Situation kann im Rahmen des bereits bestehenden Kontaktes erfolgen und für ein entsprechendes Angebot genutzt werden. Vor diesem Hintergrund wurde an der Klinik für Psychiatrie II am Bezirks- krankenhaus Günzburg das Modellprojekt FIPS entwickelt, das den von einer psy- chischen Erkrankung betroffenen Familien eine spezielle Hilfe und Unterstützung an- bietet (zum Inhalt des Beratungsangebots siehe den Beitrag von Kilian in diesem Band). Zum einen kann durch die Anbin- dung eines Beratungsangebots an die psy- chiatrische Routineversorgung in einer Kli- nik mit Versorgungsauftrag ein entspre- chend niederschwelliger und nicht-invasi- ver Kontakt zu dem erkranken Elternteil während eines stationär-psychiatrischen Heruntergeladen von: Thieme E-Books & E-Journals. Urheberrechtlich geschützt.