Die französische Kommunikationswissenschaft, semiotische Perspektiven und die Sphären der Postmoderne Stefanie Averbeck „Sind denn alle französischen Kommunikationswissenschaftler Postmodernisten?“, fra- gen Siegfried J. Schmidt und Joachim Westerbarkey in ihrer Replik auf Ulrich Saxers „Mythos Postmoderne“. 1 Die Frage ist berechtigt, aber sie führt noch weiter: Denn Baudrillard, Virilio, Lyotard und die anderen von Saxer genannten befassen sich zwar (auch) mit Kommunikation, aber sie sind keine Kommunikationswissenschaftler im Sin- ne derer, die das Fach an französischen Universitäten lehren. Wer also sind die französischen Kommunikationswissenschafter und welche Positio- nen vertreten sie? Hierzulande kennt man die Namen französischer Kommunikations- wissenschaftler zumeist nicht: Francis Balle, Universität Paris (Panthéon Assas), Armand Mattelart, Universität Rennes, Daniel Bougnoux, Universität Grenoble, Jean Jacques Boutaud, Professor für Kommunikationswissenschaft in Bourgogne, um nur ei- nige wenige zu nennen. 2 Balles Buch „Médias et Sociétés“, laut seines Pariser Kollegen Jean Cazeneuve das zentrale systematische Werk der französischen Kommunikations- wissenschaft, ist in Frankreich inzwischen in neunter Auflage erschienen, 3 immerhin er- hält man es in englischer Übersetzung, aber das ist schon die Ausnahme. Die Wahrneh- mung der französischen Kommunikationswissenschaft ist, wie umgekehrt die der deut- schen in Frankreich, insbesondere ein Sprachproblem. Saxers Leseaufforderung an die deutschen Kommunikationswissenschaftler – „da ja Übersetzungen vorliegen“ 4 – ist zu lapidar und betrifft fast ausschließlich Soziologen und Philosophen mit hohem welt- weiten Renommee wie Jacques Derrida, Paul Virilio oder Jean Baudrillard, aber eben nicht Kommunikationswissenschaftler. 396 1 Ulrich Saxer: Mythos Postmoderne: Kommunikationswissenschaftliche Bedenken. In: Medien & Kommunikationswissenschaft, 48. Jg. 2000, Nr. 1, S. 85 – 92; Siegfried J. Schmidt/Joachim Westerbarkey: Mehr Querschläger als Blattschuss: Eine Replik auf Ulrich Saxers Philippika wider postmoderne Kommunikationstheoreme. In: Medien & Kommunikationswissenschaft, 48. Jg. 2000, Nr. 2, S. 247 – 251. 2 Vgl. die interdisziplinär orientierte Aufstellung über Wissenschaftler, die sich mit Kommuni- kationsforschung befassen, in: Les chercheurs en information et en communication. Annuaire 1997 – 1998. Edité par la Société Française de l’Information et de la Communication (SFSIC). Diese Aufstellung erschien seit 1992 sechsmal; 1992 führte sie 221 Forscher auf, 1998 schon 319. Es handelt sich dabei indes nicht um das Mitgliederverzeichnis der Französischen Gesellschaft für Kommunikationswissenschaft, sondern um einen von ihr erbrachten Service, der der diszi- plinübergreifenden Kooperation dienen soll. 3 Françis Balle: Médias et Sociétés. De Gutenberg à Internet. Presse, Audiovisuel, Télécommuni- cations, Multimédia, Télématique. 9ième édition. Paris: Montchrestien 1999. Zu einer früheren Auflage dieses Buches vgl. Jean Cazeneuve: La France. In: Les cahiers de la communication, Vol. 2 1982, No. 4 - 5 (Numéro: Communications et médias. Les orientations de la recherche en Europe), S. 369-385. 4 Vgl. Saxer (wie Anm. 1), S. 90. DISKUSSION https://doi.org/10.5771/1615-634x-2000-3-396, am 08.12.2021, 16:19:02 Open Access - - http://www.nomos-elibrary.de/agb