Übersichtsarbeit Trauma und Sucht: Implikationen für die Psychotherapie Nadine Potthast 1,2 und Claudia Catani 1 1 Klinische Psychologie, Fakultät für Psychologie, Universität Bielefeld 2 Christoph-Dornier-Stiftung Bielefeld Zusammenfassung: Ziel: Die vorliegende narrative Übersichtsarbeit geht der Frage nach, welche Rolle traumatische Lebenser- fahrungen und damit assoziierte Traumafolgestçrungen bezüglich der ¾tiologie und Pathogenese von Suchterkrankungen spielen und welche Implikationen sich daraus für die therapeutische Praxis ableiten. Ergebnisse: Die aktuelle empirische Befundlage belegt ein gehäuftes gemeinsames Auftreten von traumatischen Erfahrungen und substanzbezogenen Stçrungen sowie eine erhçhte Ko- morbidität von Posttraumatischer Belastungsstçrung und Suchterkrankungen. Befunde aus Interview- und Fragebogenstudien sowie aus experimentellen Untersuchungen mit komorbiden Patienten zeigen, dass Betroffene psychotrope Substanzen als Selbstmedi- kation einsetzen, um ihre traumabedingte Symptomatik zu lindern. Es entsteht ein komplexes, sich gegenseitig aufrechterhaltendes Wechselspiel zwischen Traumafolge- und Suchtsymptomatik, welches die Behandlung deutlich erschwert. Schlussfolgerungen: Zur Unterbrechung dieses Wechselspiels erscheint ersten Befunden zufolge ein von Beginn an integrativer, traumafokussierter Be- handlungsansatz besonders geeignet. Auch wenn diesbezüglich erste erfolgsversprechende traumakonfrontative Therapieansätze entwickelt wurden, stehen grçßere prospektive Untersuchungen sowie randomisiert kontrollierte Therapiestudien diesbezüglich noch aus und sollten einen Schwerpunkt zukünftiger Forschung auf diesem Gebiet bilden. Schlüsselwçrter: Trauma, Posttraumatische Belastungsstçrung (PTBS), Sucht, Selbstmedikationshypothese, Übersicht Trauma and Addiction: Implications for Psychotherapy Abstract: Aim: This narrative review focuses on the question of how traumatic life experiences and trauma-related disorders are implicated in the etiology and pathogenesis of addiction and the resulting implications for psychotherapy. Results: Current empirical evidence shows numerous co-occurrence of traumatic experiences and substance use disorders as well as an increased comorbidity of post-traumatic stress disorder and addiction. Findings from various clinical studies with patients suffering from trauma and substance related disorders point out that these individuals use psychotropic substances as a self-medication to alleviate trauma-related symptoms. This often results in a complex interaction between trauma sequelae and addiction symptoms whereby both conditions mutually sustain each other. Conclusions: This has important implications for the treatment of addiction. Preliminary evidence shows that, rather than focusing on the symptoms of addiction only, integrated approaches with a trauma focus should be applied in order to interrupt the vicious circle between trauma and substance use disorders. So far, first promising trauma focused treatment approaches have been developed, but there is still a paucity of large-scale prospective surveys as well as randomized controlled trials. Such empirical studies should be a priority for future research on this topic. Keywords: trauma, posttraumatic stress disorder (PTSD), addiction, self-medication hypothesis, review Missbrauch und Abhängigkeit von psychotropen Sub- stanzen gehçren zu den häufigsten psychischen Erkran- kungen in Deutschland. Laut Schätzungen der Deut- schen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS, 2010) leiden ca. 2,8 Millionen Menschen an einer substanzgebunde- nen Abhängigkeit (ohne Nikotin). Hinzu kommt eine deutlich grçßere Zahl von Personen, die psychotrope Substanzen missbräuchlich konsumieren. Hohe Rück- fallquoten in der Behandlung substanzbezogener Stç- rungen weisen darauf hin, dass diese bis heute mit nur mäßigem Erfolg behandelt werden (eine Übersicht über Rückfallzahlen im deutschsprachigen Raum geben Kçr- kel & Schindler, 2008). Dies ist nicht nur für die Betrof- fenen selbst aufgrund der gravierenden gesundheitlichen und sozialen Folgen von erheblichem Nachteil, sondern auch für die Volkswirtschaft (DHS, 2010). Eine Ursache für den nur mäßigen Behandlungserfolg stellt die man- gelnde Beachtung von traumatischen Erfahrungen und Traumafolgestçrungen, wie der Posttraumatischen Be- lastungsstçrung (PTBS), im Rahmen des Therapiepro- zesses dar (Coffey, Dansky & Brady, 2003). Obwohl diese zunehmend als potentielle Risikofaktoren für die Ent- SUCHT, 58 (4), 2012, 227 – 235 DOI: 10.1024/0939-5911.a000191 SUCHT 58 (4) # 2012 Verlag Hans Huber,Hogrefe AG, Bern