534 PVS, 57. Jg., 4/2016, S. 534-559, DOI: 10.5771/0032-3470-2016-4-534 ABHANDLUNG Die Verunsicherung der Welt. Aktuelle Gewaltkonflikte und globale Ordnung Roy Karadag / Klaus Schlichte The unsettledness of the world. Current violent conficts and global order Abstract: Political science has only marginally worked on the most recent dynamics of war development in the Middle East and on the African continent. This article suggests an in- terpretation, based on the „Hamburg approach“ to the study of war, which focuses on confictive modernization processes and institutional legitimacy defcits. Whilst form and incumbency of state domination are at the center of these violent conficts, their most visible product of the laboratories of multilateral intervention is rather an internationaliza- tion of political domination than what liberal approaches label as “global governance”. In order to grasp these changes, political science has to re-think the sociology of the state and to rediscover political violence as a subject of research and theory. Keywords: State, war, International Relations, intervention, political sociology, global gov- ernance Schlagwörter: Staat, Krieg, Internationale Beziehungen, Intervention, politische Soziologie, Entwicklung 1. Einleitung Mit der Expansion der kriegerischen Gewalt in Syrien und Irak, der überraschen- den Eskalation des Konfikts in und um die Ukraine und der offensichtlichen Ver- geblichkeit, mit massivem Aufwand in Afghanistan eine legitime politische Ord- nung zu errichten, scheinen die Möglichkeiten internationaler Politik beschränkter als noch vor wenigen Jahren. Insbesondere durch die schnelle Eskalation des Kon- fikts um die Ukraine einschließlich der aus vergangenen Jahrhunderten stammen- den Praxis der Annektierung scheint die internationale Ordnung selbst in Frage gestellt. Es ist eine von der politikwissenschaftlichen Forschung noch weithin unerle- digte Aufgabe, diese jüngsten Dynamiken im internationalen System und die krie- gerischen Ereignisse der Gegenwart in ihrem Eigenrecht zu analysieren, ohne die historischen und aktuellen Wirkungszusammenhänge zwischen der Gewalt dort und der Legitimierung der intervenierenden Gewalt hier zu vergessen. Dieser ein- leitende Beitrag, aber auch die folgenden Aufsätze über die internen Dynamiken, regionalen Einbettungen und Internationalisierungen gegenwärtiger Kriege sollen zu einem solchen besseren Verständnis dieser Zusammenhänge zwischen lokalen https://doi.org/10.5771/0032-3470-2016-4-534 Generiert durch IP '54.70.40.11', am 11.12.2018, 19:08:58. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.