Der Radiologe
Leitthema
Radiologe 2020 · 60:48–55
https://doi.org/10.1007/s00117-019-00613-0
Online publiziert: 4. Dezember 2019
© Springer Medizin Verlag GmbH, ein Teil von
Springer Nature 2019
Charlie Alexander Hamm
1
· Nick Lasse Beetz
1
· Lynn Jeanette Savic
1
·
Tobias Penzkofer
1,2
1
Institute of Radiology, Charité – Universitätsmedizin Berlin, corporate member of Freie Universität Berlin,
Humboldt-Universität, and Berlin Institute of Health, Berlin, Deutschland
2
Berlin Institute of Health, Berlin, Deutschland
Künstliche Intelligenz und
Radiomics in der MRT-basierten
Prostatadiagnostik
Die multiparametrische Magnet-
resonanztomographie (mpMRT)
spielt zunehmend eine wichtige
Rolle in der nichtinvasiven Diag-
nostik des Prostatakarzinoms (PCa).
Die großen Datenmengen und die
Komplexität der Bildbefundung stel-
len die Radiologie jedoch vor neue
Herausforderungen und bilden die
Grundlage für neue Entwicklungen
der quantitativen und automa-
tisierten Bildanalyse. In diesem
Übersichtsartikel werden relevan-
te Anwendungen von Radiomics,
Machine Learning (ML) und Deep
Learning (DL) in der MRT-Diagnos-
tik des PCa zusammengefasst und
gegenwärtige Limitationen und
Zukunftsperspektiven diskutiert.
Aktueller Stand und Entwick-
lungen in der Diagnostik des
Prostatakarzinoms
Das PCa ist die weltweit sechsthäufigste
und in der männlichen Bevölkerung die
häufigste Krebserkrankung [1]. Die über-
wiegende Anzahl der PCa tritt im höhe-
ren Alter auf und hat eine niedrige krank-
heitsspezifische Mortalität [1]. Dennoch
bietet die Aggressivität des PCa ein breites
Spektrum, welches von risikoarmen, in-
dolenten bis hin zu hochgradig aggressi-
ven und klinisch signifikanten Maligno-
men reicht [2]. Die Früherkennung und
Lokalisierung von PCa in einem behan-
delbaren Stadium ist entscheidend, da
für die meisten lokal begrenzten Karzino-
me ein hervorragendes krebsspezifisches
Überleben erwartet werden kann. Die-
se Eigenschafen verdeutlichen die kom-
plexe Herausforderung einer möglichst
genauen Charakterisierung und Stratifi-
zierung von Prostatakrebspatienten für
das Gesundheitssystem [3].
Grundpfeiler der PCa-Diagnostik
sind die digitale rektale Untersuchung,
die Untersuchung des prostataspezi-
fischen Antigens im Serum und die
transrektale Ultraschallbiopsie [4]. Zu-
nehmend etabliert sich die mpMRT
der Prostata in den internationalen
Leitlinien zu einer klinischen Routine-
untersuchung für Patienten mit PCa-
Risiko [5]. Ein entscheidender Vorteil
der mpMRT ist die detaillierte dreidi-
mensionale Tumorbildgebung, welche
eine verbesserte Planung gezielter Stanz-
biopsien verdächtiger Regionen der
Prostata ermöglicht, deren Sensitivität
und negativer Prädiktionswert sich in
der Karzinomerkennung im Vergleich
zur systematischen Biopsie als überlegen
erwiesen hat [6]. Ein zentrales klini-
sches Problem stellt jedoch weiterhin
die unzureichende Spezifität der Befun-
de dar, welche zu Überdiagnose und
Überbehandlung führt. Überdiagnose
bedeutet, dass bei ca. 67 % der Patienten
mit nachgewiesenem Prostatakarzinom
dieses klinisch nicht signifikant ist, was
zu teils unnötigen Behandlungen und
damit verbundener Morbidität führt. Da-
her bedarf es einer möglichst präzisen
Patientenstratifizierung, die Patienten
mit klinisch signifikantem PCa von sol-
chen mit klinisch unbedeutendem PCa,
welche einer aktiven Überwachung zu-
geführt werden könnten, unterscheidet
[3, 7].
Die Relevanz der Früherkennung und
der Identifizierung klinisch signifikan-
ter PCa sowie das Potenzial neuer Com-
putertechnologien zur Verbesserung des
Behandlungsmanagements von PCa-Ri-
sikopatienten haben zur Entwicklung in-
novativer automatisierter und quantitati-
ver Bildanalysetechniken unter Verwen-
dung künstlicher Intelligenz (KI) und
Radiomics geführt. Bedeutsame Anwen-
dungen von Radiomics, ML und DL in
der MRT-Diagnostik des PCa sind im
Folgenden zusammengefasst.
Prostata-MRT und
Interpretation
Die MRT bietet einen exzellenten Weich-
teilkontrast und hat sich zu der bild-
gebenden Methode der Wahl für die
Beurteilung von Prostatatumoren ent-
wickelt. Die European Society of Uro-
genital Radiology hat 2012 das Prostate
Imaging Reporting and Data System
(PI-RADS) Scoring System etabliert, das
eine einheitliche Interpretation, Kom-
munikation und Berichterstattung von
MRT-Befunden der Prostata ermöglicht
und die Verwendung von anatomischen
Sequenzen sowie zwei funktionellen Se-
quenzen empfiehlt [8]. Die PI-RADS-
konforme mpMRT kombiniert hochauf-
lösende T2-gewichtete (T2w) Sequenzen,
diffusionsgewichtete Bildgebung (DWI)
und dynamische kontrastverstärkte Bild-
gebung (DCE-MR; . Abb. 1). Für die
periphere Zone (PZ) sind die DWI und
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