Kasuistiken Somnologie 2017 · 21:193–199 DOI 10.1007/s11818-017-0133-5 Eingegangen: 24. April 2017 Angenommen: 28. Juli 2017 Online publiziert: 16. August 2017 © Springer Medizin Verlag GmbH 2017 Carolin Marx Zentrum für gesunden Schlaf Dresden, Dresden, Deutschland „Eye Movement Integration Therapy“ (EMI) bei nicht- organischen Schlafstörungen Ein Fallbericht aus der Praxis Einleitung Der Gesundheitsreport der DAK [13] zeigt erneut, dass Schlafstörungen in der Bevölkerung und vor allem bei Arbeit- nehmern immer häufiger aufreten. Der Anstiegistäußerstbesorgniserregendmit bis zu 66 % in den letzten 7 Jahren zu verzeichnen. Ein- und Durchschlafstö- rungen, also nichtorganische Insomnien, sind dabei am häufigsten vertreten. Laut S3-Leitlinie Nicht erholsamer Schlaf/Schlafstörungen [9, 10] ist die kognitive Verhaltenstherapie der In- somnie (CBT-I) die Methode der Wahl zur Behandlung von nichtorganischen Schlafstörungen und sollte daher auch als Erstes angewendet werden. Erst wenn alle nichtpharmakologischen Verfahren ausgeschöpf sind, sollte eine pharmako- logische Behandlung in Betracht gezogen werden [4, 14]. Bei sehr komplexen und somit schwer therapierbaren Symptoma- tiken kommen die klassischen Techniken der CBT-I an ihre Grenzen. Sie erfordern ein waches Bewusstsein und Konzentra- tion. Dies steht im paradoxen Kontrast zu der treffenden Ansicht „Weg vom Schlaf ist hin zum Schlaf“ [7]. Wir müssen in der Terapie der In- somnie daher dringend von anderen Schulen, Terapien und Kulturen ler- nen und diese für Betroffene nutzbar machen. Als solche wird die „Eye Move- ment Integration Terapy“ (EMI [2]) im Zentrum für gesunden Schlaf in Dresden erprobt. Hintergrund Die „Eye Movement Integration (EMI)“ ist eine eher neuro- als psychotherapeu- tische Technik, die in der Behandlung von Traumaopfern erfolgreich eingesetzt wird. Sie findet in vielen Bereichen An- wendung, wie bei Störungen der Im- munabwehr und des Lymphsystems, bei Darm- und Verdauungsstörungen, in der Orthopädie und Neuroprothetik. EMI ist eine Methode, um die Selbst- heilung der unbewussten neuronalen Netzwerke zu aktivieren. Im Falle von psychischen Störungen, vor allem bei den posttraumatischen Belastungsstö- rungen (PTBS), setzt die Neurotherapie am limbischen System bzw. an der Amyg- dala des limbischen Systems an. Dem limbischen System wird vorrangig die Funktion der Emotionsverarbeitung, der damit verbundenen Impulssteuerung des Triebverhaltens und der dazugehörigen intellektuellen Fähigkeiten zugespro- chen. Die Amygdala befähigt ein Säu- getier, innerhalb kürzester Zeit Gefahr zu erkennen und als solche zu bewer- ten, um anschließend unmittelbar die entsprechenden vegetativen Reaktionen einzuleiten. Dabei fungiert die Amygdala nur als Zwischenspeicher für die Sinnesein- drücke. Die emotionalen Informationen werden erst später hinzugefügt und liegen unreflektiert und in losen Frag- menten vor. Die Gefühle sind folglich abgespalten, also dissoziiert. Daher zeigt auch das Sprachzentrum wenig Aktivität beim Reden über Traumata. Wissen- schafliche Untersuchungen zeigen, dass bimodale Stimulationen (Ton und Bild) deutlich erfolgreicher sind, da sie mehr Neurone aktivieren (z. B. [6]). Klinische Studien zum Wirksam- keitsnachweis von EMI zeigen bereits nach nur einer Behandlung eine Reduk- tion von 48,33 % der selbstberichteten Traumasymptome. Nach einer ganz- heitlichen Behandlung werden 83,30 % weniger Symptome berichtet [3]. Die EMI wurde 1989 von Andreas und Andreas entwickelt und anschließend von Danie Beaulieu [3] weiter präzisiert. Dabei gehen die Traumaforscher davon aus, dass traumatische Lebensereignisse dann zu pathologischen posttraumati- schen Belastungsstörungen führen, wenn sie fragmentiert im Kurzzeitgedächtnis und der Amygdala aufrechterhalten und nicht als komplexes Geschehen ins Lang- zeitgedächtnis überführt werden. Erst mit der Integration aller beteiligten Sinne und Emotionen können die Fragmente zu einem Gesamtbild adaptiert und in das Langzeitgedächtnis überführt werden. Betroffene können erworbene Kompe- tenzen, z. B. Reifung, als Ressource in die Erinnerung integrieren [3]. EMI fördert die Integration von Erlebensfragmenten durch die neuronale Aktivierung. Neurowissenschaflich arbeitende Forscher haben entdeckt, dass es eine direkte Verbindung zwischen Augenbe- wegungen und sensorischem bzw. emo- tionalem Gedächtnis gibt. In der Natur findet sich dieser Prozess im REM-Schlaf, da auch hier Augenbewegungen im un- bewussten, also schlafenden, Zustand die Emotionsregulation fördern. Somnologie 3 · 2017 193