6. Die Zukunft des europäischen Integrationsprojekts Die Europäische Union ist seit dem Jahr 2010 durch die Staatsschuldenkrise ei- niger ihrer Mitgliedsländer und die Krise der europäischen Gemeinschaftswäh- rung vor eine der schwersten Bewährungsproben seit ihrer Gründung gestellt worden. Obwohl sowohl bei den Bürgern als auch bei vielen politischen Akteu- ren die Unzufriedenheit mit der EU gestiegen und das Vertrauen in die europä- ischen Institutionen gesunken ist (European Commission 2012a: 13), führt der eingeschlagene Weg der Krisenbewältigung paradoxerweise nicht zu einem We- niger, sondern zu einem Mehr an Europa. Denn die Vielzahl an Hilfsmaßnahmen u.a. in Form von fiskalischen Rettungsschirmen bedeuten im Kern eine weite- re politische Vertiefung der Europäischen Integration, da sich die Eingriffstiefe der europäischen Institutionen in die Mitgliedstaaten deutlich erhöhen wird und die Nationalstaaten an Souveränität verlieren werden. Europa ist durch die Krise deutlich enger zusammengewachsen und ist auf dem Weg zu einer weiteren sys- temischen Integration. Die Zunahme einer Europäisierung der Politik gilt nicht nur für die An- zahl an beschlossenen Maßnahmen und die Schaffung neuer institutioneller Re- geln, sondern auch für den Diskurs über Europa. Analysten, die seit langem die zögerliche Entstehung einer europäischen Öffentlichkeit beklagt haben, können sich seit Beginn der Geld-, Finanz- und Wirtschaftskrise nicht mehr beschwe- ren. Nicht nur in dem engeren Kreis der Euro-Länder, sondern in allen 27 Län- dern der EU steht die Zukunft der Gemeinschaft ganz oben auf der öffentlichen Agends. Über die Krise der europäischen Währung und das Krisenmanagement der Politik wird dauerhaft auf der ersten Seite der Tageszeitungen berichtet. Es gibt kaum eine Nachrichtensendung, in der die Finanzkrise nicht Thema ist; und auch in den politischen Diskussionsveranstaltungen hat die Zukunft Europas ei- nen prominenten Platz eingenommen. Dabei haftet die Diskussion nicht allein an den tagesaktuellen Themen. Auf allen Ebenen wird über die Zumutbarkeit von Auflagen für die Krisenländer, die Belastbarkeit und die Solidarität der Geber- länder, über Fragen der Verursachung und der Schuld und über das Ausmaß und die Richtung institutioneller Reformen diskutiert und gestritten. Die positive Ne- benfulge der Eurokrise besteht darin, dass das europäische Projekt nunmehr zu J. Gerhards, H. Lengfeld, Wir, ein europäisches Volk?, Neue Bibliothek der Sozialwissenschaften, DOI 10.1007/978-3-658-01530-5_6, © Springer Fachmedien Wiesbaden 2013