809 Berichte Stahlbau 72 (2003), Heft 11 1 Einleitung Die Welterbekommission der UNESCO hat auf ihrer Sitzung am 14. Dezember 2001 die Zeche und die Kokerei Zollver- ein in Essen-Katernberg, die im Ruhrge- biet mit ihrem 55 m hohen Doppelbock- Fördergerüst und ihren kubischen Tage- bauten bekannt ist, in die Liste des Kul- tur- und Naturerbes der Welt aufgenom- men (Bild 1). Die Zeche Zollverein – 1847 in Be- trieb genommen – wurde nach dem 1834 von 18 deutschen Staaten gegründeten Zoll- und Handelsverein benannt. Um die Arbeitsabläufe bei den Tagesanlagen wei- ter zu rationalisieren, entschloß sich die Vereinigte Stahlwerke AG 1928, eine Zen- tralschachtanlage zu errichten. Die För- derung und Aufbereitung der Kohle so- wie die Energieversorgung wurden somit im Zollverein XII konzentriert, wobei die Ein- und Ausfahrt und die Versorgung der Kumpel von den anderen Schacht- anlagen übernommen wurde. 2 Geschichte der Schachtanlage Zollverein XII Martin Schupp (1896–1974) und Fritz Kremmer (1894–1945), die „Zollverein- architekten“, haben diese Anlage von vornherein als ein Gesamtkunstwerk an- gelegt und bei aller Funktionalität auch als ein repräsentatives Denkmal der Ar- beit und der Industrialisierung geplant. Die von den Betriebsingenieuren vorge- gebene Anordnung der Bauten und die einzelnen Funktionsabläufe wurden nach architektonischen Prinzipien der Achse und der Symmetrie geordnet und das Ensemble durch Grünflächen und Höfe strukturiert (Bild 2). Im Jahre 1932 wur- den die Tagesanlagen und die Schacht- förderung in Betrieb genommen. Insge- samt bestand das Areal aus einer För- deranlage, einer Kohlenwäsche, einem Feinkohlenverladeturm, einer Freiluft-Um- spannanlage, einem Kesselhaus und meh- reren Werkstätten. Fritz Schupp wurde später auch mit der Planung der Koke- rei beauftragt. Die Kokerei Zollverein, die in den Jahren 1957 bis 1961 errichtet wurde, galt lange als modernste Kokerei Europas. 1986 wurde die Kohleförderung im Baufeld Zollverein eingestellt. Seitdem werden lediglich zwei Schächte für die zentrale Wasserversorgung weiter betrie- ben. Die Schachtanlage XII wurde unter Denkmalschutz gestellt und vom Land Nordrhein-Westfalen (NRW) angekauft. Seit 1998 koordiniert und organisiert die vom Land NRW und der Stadt Essen ge- gründete Stiftung Zollverein die Aktivi- täten auf der Schachtanlage XII. Die ge- samte Anlage wurde nach einem vorbild- lichen Erhaltungsplan saniert. Insbeson- dere an den Fachwerkfassaden wurden alle korrosionsgeschädigten Träger und Pfosten erneuert, die Ausfachung mit Mauerwerk an schadhaften Stellen er- setzt bzw. ausgebessert. Seit Anfang der 1990er Jahre haben sich auf Zollverein über zwanzig Institutionen aus Kunst, Kultur, Design und Neue Medien ange- siedelt. Unter anderem zog das renom- mierte Designzentrum NRW in das vom Londoner Architekturbüro Foster umge- baute Kesselhaus ein. Im Turbinenhaus hat sich das Gourmetrestaurant „Casino Zollverein“ etabliert, im Salzlager der Kokerei wurde das „Haus der Träume“ von Ilja Kobakov installiert. In der gro- ßen Lesebandhalle, wo früher Gesteins- brocken aus der Kohle gelesen wurden, finden heute Konzerte statt. Am 31. August 2002 wurde die Welt- kulturerbeplakette feierlich überreicht. Auf Initiative der Stiftung Zollverein wurde das Gesamtwerk von Schupp und Kremmer 2002 in einer Ausstellung im Zollverein gewürdigt. Die Ausstellung ist in diesem Jahr im UNESCO-Hauptquar- tier in Paris zu sehen. Zollverein XII wurde zu einem Zeitpunkt errichtet, als der Stahlbau in Deutschland in einem starken Wand- lungsprozeß begriffen war. Etwa um 1930 wurde der Übergang von den Niet- zu Schweißkonstruktionen eingeleitet, und zwar auch bei dynamisch beanspruch- ten Tragelementen wie Brücken oder För- dergerüsten. Man ging dazu über, große und weitgespannte Träger nicht mehr aus einzelnen Stäben zu Fachwerken zusam- menzusetzen, sondern aus vollwandigen Blechen zu schweißen. Ebenfalls um diese Zeit wurden die Stahlqualitäten genormt und korrosionsträge Stahlsorten entwik- kelt. Alle diese Neuerungen finden in den Zollvereinsgebäuden ihren Niederschlag, was zusätzlich zur Bedeutung dieser be- merkenswerten Architektur beiträgt. Für die Haltung von Schupp ist be- zeichnend, daß er in bezug auf die Inge- nieure eine eher partnerschaftliche Hal- tung einnimmt. Seiner Meinung nach sollte der Architekt im Industriebau die künstlerische Fähigkeit haben, die Ge- gebenheiten in eine höhere Ordnung zu bringen. Sache des Architekten sei es, die vom Ingenieur in der Reihenfolge ihrer betrieblichen Funktion nebeneinander gestellten Bauten zusammenzuordnen. Schupp versuchte nicht Dominanz aus- zuüben; er war eher bemüht, die Arbeit des Ingenieurs zu ergänzen und zu ver- edeln [1], [2]. Somit bestand auch bei der Planung der Schachtanlage Zollverein XII zwi- schen Architekten und Ingenieuren eine klare Arbeits- und Kompetenzteilung. Die technischen Anlagen wurden nach Maß- gabe der von den Ingenieuren vorgege- benen Abläufe geordnet. Allen wurde dann eine gemeinsame Hülle – das „Eisenfachwerk“ – übergestülpt. Was die tragende Konstruktion anbetrifft, ist die Einflußnahme der Architekten nur bei den von außen sichtbaren Konstruktio- nen, wie z. B. bei den Fördertürmen, nach- haltig spürbar, während die vom Eisen- fachwerk umhüllten Tragkonstruktionen eher den ausführenden Firmen überlas- sen wurden. Die Stahlfachwerkkonstruktionen, die für die Fassaden der Industriebauten gewählt wurden, waren keine Erfindung von Schupp und Kremmer. Diese wurden bereits sowohl in Deutschland als auch im Ausland mehrfach eingesetzt. Schupp Stahl im Industriebau der klassischen Moderne: die Zeche Zollverein Cengiz Dicleli Bild 1. Zollverein XII, Förderturm (Quelle: Archiv Dicleli) Bild 2. Zollverein XII, Achse Schachthalle (Quelle: Archiv Dicleli)