Gerontologie+Geriatrie
Zeitschrift für
Themenschwerpunkt
Z Gerontol Geriat 2019 · 52:521–528
https://doi.org/10.1007/s00391-019-01596-2
Eingegangen: 3. Juni 2019
Angenommen: 29. Juli 2019
Online publiziert: 23. August 2019
© Springer Medizin Verlag GmbH, ein Teil von
Springer Nature 2019
Annette Franke
1
· Birgit Kramer
2
· Pirkko Marit Jann
1
· Karin van Holten
3
·
Amelie Zentgraf
3
· Ulrich Otto
3
· Iren Bischofberger
3
1
Evangelische Hochschule Ludwigsburg, Ludwigsburg, Deutschland
2
Institut für Gerontologie, Universität Heidelberg, Heidelberg, Deutschland
3
Careum Hochschule Gesundheit, Zürich, Schweiz
Aktuelle Befunde zu „distance
caregiving“
Was wissen wir und was (noch) nicht?
Hintergrund und Ziel
Trotz zunehmender Arbeits- und Wohn-
ortmobilität wurde das Tema Pfle-
ge und Unterstützung von Angehöri-
gen bei räumlicher Distanz („distance
caregiving“) in der deutschsprachigen
Forschungsliteratur bislang weitgehend
vernachlässigt. Dies ist beispielsweise
in den USA oder Kanada anders; dort
ist Unterstützung von Angehörigen bei
räumlicher Entfernung seit Längerem
ein Forschungsthema. Im Rahmen eines
binationalen Forschungs- und Entwick-
lungsprojekts wurde eine systematische
Literaturanalyse zum neuesten For-
schungsstand zu Distance caregiving
durchgeführt. Der Fokus lag sowohl auf
erwerbstätigen wie auch nichterwerbstä-
tigen Angehörigen und älteren pflegebe-
dürfigen Nächsten, denn Unterstützung
auf Distanz erfolgt vorwiegend zwischen
Kindern und ihren (Schwieger-)Eltern.
Ziel der Literaturanalyse ist, spezifische
Merkmale der sog. Pflegearrangements
auf Distanz auf Basis der aktuellen
Forschungsliteratur herauszuarbeiten.
Dabei wird u.a. auf das Problem der
definitorischen Abgrenzung zentraler
Begriffe, v.a. zur räumlichen oder zur
zeitlichen Entfernung, und in der Folge
die erschwerte Prävalenzbestimmung
eingegangen. Zudem werden wesentli-
che soziodemografische Merkmale und
Strategien dieser Hilfearrangements skiz-
ziert.
Methodisches Vorgehen
Die systematische Literaturrecherche
(Stand April 2019) erfolgte per Schlag-
wortsuche in folgenden einschlägigen
Datenbanken: Psychinfo, Web of Science,
CINAHL, PubMed und google scholar.
Ein- und Ausschlusskriterien wurden
a priori festgelegt. Schlagwörter zum Ein-
schluss waren: distance care/caregiving/
carers/caregivers; working carers; recon-
ciliation/compatibility/balance work and
care; care and employment; distance,
distant, from afar, out of town; care,
carer, caregiving; proximate/proximity
care; distal care; räumliche Distanz,
Entfernung, entfernt, Ferne, weit weg;
Pflegender, pflegende Angehörige, Pfle-
ge, Sorge, Unterstützung; unmittelbare
Pflege; körperferne, distale Pflege; er-
werbstätige Pflegende; Vereinbarkeit
Beruf und Pflege. Komplementiert wur-
de die elektronische Datenbanksuche
durch eine gezielte Sichtung von Bi-
bliothekskatalogen (Universität Heidel-
berg, Landeskirche Baden-Württem-
berg) sowie anhand von Referenzlisten
der bis dato identifizierten Publikatio-
nen („Schneeballmethode“). Die Liste
der für die Literaturübersicht relevanten
Publikationen wurde so bis zum Ende
des Analyseverfahrens fortwährend er-
gänzt. Die endgültige Auswahl erfolgte
durch die Sichtung von Titel, Abstract
(sofern vorhanden) und Volltext, je-
weils unabhängig bewertet durch zwei
Projektmitarbeiterinnen.
Dabei war die Suche beschränkt auf
deutsch- und englischsprachige Publika-
tionen; eine zeitliche Eingrenzung wurde
nicht vorgenommen. Um das in Deutsch-
land noch neue Tema Distance care-
giving umfassend beschreiben zu kön-
nen, wurden nicht nur wissenschafli-
che Studien in die Analyse einbezogen,
sondern auch „policy papers“ und Rat-
geber. Publikationen, die weder in den
entsprechenden Datenbanken oder Bi-
bliothekskatalogen noch über Fernleihe
verfügbar waren, wurden direkt bei den
Autorinnen und Autoren angefragt. Wei-
teres Einschlusskriterium war die explizi-
te inhaltliche Adressierung von Distance
caregiving als primärer Fokus mit ein-
deutiger Forschungsfrage. Es war nicht
ausreichend, dass die räumliche Distanz
eine von vielen Variablen war, um bei-
spielsweise die Belastung pflegender An-
gehöriger zu untersuchen.
Mit diesem Fokus wurden insgesamt
55 Publikationen identifiziert. Hierbei
handelt es sich überwiegend um Fach-
artikel in Zeitschrifen (bezogen auf
quantitativ oder qualitativ ausgerich-
tete Studien), um ein Policy paper, 5
Reviews, 4 Dissertationen, eine Master-
arbeit, 3 Ratgeber, 3 Buchkapitel und
2 Monografien. Die relevanten Quellen
wurden mithilfe der strukturierenden
Inhaltsanalyse und der Sofware MAXQ-
DA deduktiv codiert sowie hinsichtlich
zentraler Erkenntnisse gebündelt und
geordnet [27]. Das Projektteam formu-
lierte zunächst theoretische Vorüberle-
gungen und erstellte ein entsprechendes
Suchraster entlang der vorab gestellten
Forschungsfragen und Kategorien. Die
gesichtete Literatur stammt vornehm-
lich aus dem nordamerikanischen Raum
oder aus Großbritannien und wurde zu
Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie 6 · 2019 521