Der Algerienkrieg: Theorie des revolutionären Dekolonisierungskrieges Hartmut Elsenhans 1 Die weltpolitische Einbettung der revolutionären Dekolonisierungskriege Die revolutionären Dekolonisierungskriege, wie der nationale Befreiungskrieg Algeriens 1954-1962, waren revolutionäre Volkskriege unter den besonderen internationalen Bedin- gungen der Entlegitimierung von Kolonialberrschaft nach dem Zweiten Weltkrieg. Die jeweiligen Konfliktparteien durften nicht dieselben Formen militärischer Gewalt als legitim anwenden. Die politischen Erfolge, an denen sie gemessen wurden, waren verschieden. Die Befreiungsarmee musste nur zeigen, dass sie militärisch stark genug blieb, die öffentliche Ordnung zu stören, und dabei weiterhin nicht von der Bevölkerung desavoniert wurde. Die Kolonialarmee musste nachweisen, dass sie nicht Besatzungsarmee war, sondern auf breite Zustimmung stieß und deshalb die öffentliche Sicherheit mit Unterstützung der Bevölke- rung garantieren konnte. Die Alliierten hatten Hitlerdeutschland im Namen der Demokratie und der fiir alle Menschen geltenden Menschenrechte und Menschenwürde bekämpft: es gab keine Herren- rassen. Noch während des Zweiten Weltkrieges formulierten alle in den asiatischen Kolo- nien von Japan geschlagenen europäischen Mächte Programme fiir institutionelle Refor- men, die den ,,K.olonialvölkem" größere politische Mitbeteiligung einräumen sollten. Weil niemand den zahlenmllJlig größeren Bevölkerungen der Kolonien in hiufort demokratisch regierten transkontinentalen Reichen die Mehrheit auch über die Metropolen geben wollte, setzte dies die (im Übrigen schon vorgezeichnete) Verselbstständigung der Kolonien vo- raus. Der machtpolitische Niedergang auch der stärkeren unter den Kolonialmächten, Groß- britannien und Frankreich, machte die USA und die So\\jetunion zu Führungsmächten des internationalen Systems. Beide verstanden sich als Gegner des Kolonialsystems. Das Ein- treten fiir die Entkolonisierung wurde Bedingung fiir ihren Einfluss in der erstarkenden ,,Dritten Welt", deren Mitgliederzahllaufend wuchs. Auch die USA und weitere ihrer Ver- bündeten drängten die noch verbliebenen Kolonialmächte zu Reformen, denen die Koloni- sierten mehrheitlich zustimmen konnten. Mit der Unabhängigkeit Indiens war eine Führungsmacht der nichtweißen Welt ent- standen, die außenpolitisch und in den internationalen Organisationen auf das Ende des Kolonialsystems hinarbeitete. Die Bewegung der Blockfreien und in der UNO die Gruppe der afroasiatischen Staaten bildeten Foren fiir die Forderung nach Entkolonisierung. T. Jäger, R. Beckmann (Hrsg.), Handbuch Kriegstheorien, DOI 10.1007/978-3-531-93299-6_36, © VS Verlag für Sozialwissenschaften | Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2011