Ophthalmologe 2008 · 105:1090–1091 DOI 10.1007/s00347-008-1786-z Online publiziert: 16. November 2008 © Springer Medizin Verlag 2008 B. Lorenz Klinik und Poliklinik für Augenheilkunde, Justus-Liebig-Universität, Universitätsklinikum Gießen und Marburg GmbH, Standort Gießen Akute Retinopathia praematurorum Einführung zum Thema Die Frühgeborenenretinopathie (ROP) ist nach wie vor ein sehr aktuelles The- ma, obwohl ihre Erstbeschreibung be- reits 66 Jahre zurückliegt [15]. Sie stellt ei- ne lebenslange Erkrankung dar, deren ge- schichtliche Entwicklung von einem der Altväter der Erkrankung, Bill Tasman, vor kurzem vortrefflich dargestellt wurde [14]. Die Brisanz der Thematik wird klar, wenn man in Medline das Suchwort „Retinopa- thy of Prematurity“ eingibt. Allein 2008 wurden bisher mehr als 170 Beiträge pu- bliziert (Stand Oktober 2008), die dieses Suchwort beinhalten. Neben Veröffentli- chungen zu Pathogenese, Prävention und Therapie fallen v. a. auch zahlreiche Arti- kel aus Osteuropa, Asien und Südamerika auf, die über dort erst kürzlich etablierte Screening-Programme und deren Ergeb- nisse berichten. Auf die großen länder- spezifischen Unterschiede bezüglich der Häufigkeit der akuten ROP in Abhängig- keit von der Einkommenssituation ver- schiedener Länder hatte Gilbert in einer epidemiologischen Schlüsselarbeit hinge- wiesen [6]. Die zu diesem Leitthema zusammen- gestellten Artikel befassen sich mit aktu- ellen Aspekten der Pathogenese der aku- ten ROP, deren Risikofaktoren (in der westlichen Welt) und Prävention sowie ihrer Klassifikation, Diagnostik und The- rapie. In dem Beitrag von Heckmann wird das aktuelle pathogenetische Konzept vor- gestellt, das in verschiedenen Tiermodel- len geprüft wurde und dessen Kenntnis einerseits in die Prävention und anderer- seits in die Therapie der akuten ROP ein- geht. Lois Smith vom Department of Oph- thalmology des Childrens‘ Hospitals, Har- vard Medical School Boston, wurde für ihre richtungweisenden Arbeiten auf die- sem Gebiet auf der Jahrestagung der As- sociation for Research in Vision and Oph- thalmology ARVO 2008 in Ft. Lauderd- ale, Florida, mit dem Friedenwald Award geehrt. Ihr brillanter Festvortrag wurde kürzlich veröffentlicht [13]. Pelken und Maier geben zunächst ei- nen kurzen historischen Rückblick und beleuchten dann die verschiedenen gesi- cherten und ungesicherten Risikofaktoren für die Entstehung einer akuten ROP. Die sich daraus ergebenden Konsequenzen für eine Prävention der Erkrankung wer- den kritisch unter Angabe des Evidenz- grades dargestellt. Dass eine Reihe von Faktoren weiterhin kontrovers diskutiert werden, zeigen neueste Arbeiten auf die- sem Gebiet [1, 2, 4, 5, 12]. Lorenz geht zunächst auf die Häufig- keit der behandlungsbedürftigen akuten ROP ein. Danach werden die verschie- denen Klassifikationen der akuten ROP vorgestellt sowie die wichtigsten Punkte der eben aktualisierten deutschen Scree- ning-Leitlinien der akuten ROP zusam- mengefasst. Neben der klassischen indi- rekten Binokularophthalmoskopie besteht heute die Möglichkeit der Befunddoku- mentation mittels digitaler Weitwinkel- fotografie, die darüber hinaus ein teleme- dizinisches Screening ermöglicht. Trotz des unbestrittenen Vorteils der objektiven Dokumentation mittels Kamera (RetCam 120 bzw. RetCam II) wurde kürzlich be- richtet, dass in Abhängigkeit von der Un- tersuchungstechnik eine behandlungsbe- dürftige ROP unterschätzt werden kann [9]. Im letzten Teil wird die stadienabhän- gige Therapie der akuten ROP diskutiert, die nationale Unterschiede aufweist. Ne- ben der klassischen Lasertherapie gibt es eine zunehmende Zahl von positiven Be- richten über den Einsatz von Wachstums- faktorhemmern [3, 8, 10, 11, 16], die aber bei fortgeschrittenem Stadium auch ei- nen ungünstigen Verlauf induzieren kön- nen [7]. Es erscheint daher derzeit sinn- voll, Wachstumsfaktorhemmer nur bei extremen Formen (aggressiver posteriorer ROP AP-ROP) und im präfibrotischen Stadium einzusetzen, da die Prognose der AP-ROP mit der klassischen Laserthera- pie nach wie vor unbefriedigend ist. B. Lorenz Korrespondenzadresse Univ. Prof. Dr. B. Lorenz Klinik und Poliklinik für Augenheilkunde, Justus-Liebig- Universität, Universitäts- klinikum Gießen und Marburg GmbH, Standort Gießen Friedrichstraße 8, 35392 Gießen birgit.lorenz@ uniklinikum-giessen.de Interessenkonflikt. Die korrespondierende Autorin gibt an, dass kein Interessenkonflikt besteht. Literatur 1. Aucott SW, Watterberg KL, Shaffer ML et al. (2008) Do cortisol concentrations predict short-term out- comes in extremely low birth weight infants? Pedi- atrics 122(4): 775–781 2. Beardsall K, Dunger D (2008) Insulin therapy in preterm newborns. Early Hum Dev 1090 | Der Ophthalmologe 12 · 2008