Schilddrüsenfunktionsstörungen beim Pferd G. F. Schusser; A. Uhlig; A. Spallek; St. Recknagel; J. Breuer; N. Gomaa; L. Locher; G. Köller Medizinische Tierklinik (Direktor: Prof. Dr. Dipl. ECEIM G. F. Schusser), Veterinärmedizinische Fakultät der Universität Leipzig Einleitung Die Schilddrüse, die palpabel, leicht verschieblich und sonogra- phisch untersuchbar ist, befindet sich kaudal des Kehlkopfes und wird vom M. sternohyoideus bedeckt. Die Blutversorgung erfolgt durch die A. thyroidea cranialis et caudalis aus der A. carotis com- munis und der Abfluss durch die V. thyroidea cranialis sowie in das Lymphocentrum cervicale profundum. Die parasympathische Innervation übernimmt der N. vagus und sympathische Fasern stammen aus dem Ggl. cervicale craniale (4). Die Schilddrüsenfollikel, die von den Schilddrüsenepithelzellen umschlossen werden, beinhalten thyreoglobulinhaltiges Kolloid. Die entodermalen C-Zellen liegen parafollikulär. Die Schilddrü- senepithelzellen nehmen aus der Blutbahn Jodid mittels eines Na- trium-Jodid-Symporters auf, verbinden es mit Thyreoglobulin (Tg), das mit Mono- und Dijodthyrosin zu Trijodthyronin (T 3 ) und Thyroxin (T 4 ) gekoppelt wird, und geben das jodierte Tg ins Kolloid ab. Durch Pinozytose wird das jodierte Tg von der Epithel- zelle aufgenommen, in deren Lysosomen proteolytisch abgebaut und als T 3 und T 4 in die Blut- und Lymphbahn abgegeben. Der Transport erfolgt mit thyroxinbindendem Globulin (75%), Prä- albumin (15%) und Albumin (10%). Nur je 0,3% des T 3 und T 4 zirkulieren als freies T 3 und freies T 4 in nicht eiweißgebundener Form. T 3 trägt den Hauptanteil der peripheren Hormonwirkung, da die Körperzellen nur T 3 -Rezeptoren besitzen. Körperzellen sind jedoch in der Lage, eine T 4 /T 3 -Konversion herbeizuführen. Die Schilddrüsenhormone wirken auf Wärmeproduktion, Körper- wachstum und Entwicklung, Nervensystem, Herz- und Skelett- muskulatur. Laut Literatur werden beim Menschen 70–80% des T 4 zu T 3 und reversem T 3 (rT 3 ) monodejodiert und der Rest wird über andere Stoffwechselwege metabolisiert. Die Diagnostik von Schilddrüsenfunktionsstörungen sollte nie mit der Durchführung von Laboruntersuchungen beginnen. Eine gezielte Anamnese inklusive verabreichter Medikamente und eine vollständige allgemeine Untersuchung können einerseits einen Hinweis auf eine Störung der Schilddrüsenfunktion geben und andererseits in Zusammenhang mit einem auffälligen Befund im Bereich der Schilddrüse eine Schilddrüsenerkrankung vermuten Tierärztl Prax 2010; 38 (Suppl 1): S25–S29 Korrespondenzadresse Prof. Dr. Gerald Schusser Medizinische Tierklinik der Universität Leipzig An den Tierkliniken 11 04103 Leipzig E-Mail: schusser@vetmed.uni-leipzig.de Ausgewählter Kongressbeitrag lassen. Die Diagnose einer pathologisch-anatomischen Schild- drüsenveränderung (Struma) und die daraus resultierende Funk- tionsstörung (Hyperthyreose, Hypothyreose) sollten getrennt be- schrieben werden. Zu den Laboruntersuchungen in der Veterinär- und Humanmedizin zählen die Bestimmung des thyreoideasti- mulierenden Hormons (TSH) im Blut und je nach Fragestellung die Messung von freiem und Gesamt-T 3 und -T 4 , Thyreoglobulin, Antikörpern gegen die Membran der Schilddrüsenzellen (Thyreo- ditis) und die zytologische Untersuchung von Feinnadelbioptaten (5, 8). Szinti- und Sonographie stellen die wichtigsten bildgeben- den diagnostischen Verfahren dar (8). Ziel dieser Arbeit war, die in der Literatur beschriebenen Funktionsanalysen der Schilddrüse beim Pferd zusammenzufassen und mit Befunden von Patienten zu vergleichen. Euthyreose Euthyreose ist die physiologische Schilddrüsenfunktion, bei der die Konzentrationen der peripheren Schilddrüsenhormone und des TSH im Serum im Referenzbereich liegen (Tab. 1). Stimulationstest mit thyreoideastimulie- rendem Hormon (TSH) oder Thyreotropin- Releasing-Hormon (TRH) Eine Konzentrationsmessung von TT 3 , FT 3 , rT 3 , TT 4 und FT 4 stellt nur eine Momentanaufnahme der Sekretionsleistung der Schild- drüse dar und TSH reagiert sehr empfindlich auf einen Mangel oder Überschuss von T 3 und T 4 . Daher werden die Feststellung der basalen TSH-Konzentration und die Stimulation mittels TRH, so wie in der Humanmedizin durchgeführt, zukünftig die wichtigsten labordiagnostischen Untersuchungen für die Beurteilung der Schilddrüsenfunktion sein. In Tabelle 2 und 3 sind in der Litera- tur angegebene Funktionstests und die dazugehörigen Hormon- konzentrationen aufgelistet. Hyperthyreose Eine übermäßige Sekretion der Schilddrüsenhormone wird als Hyperthyreose bezeichnet. Ältere Pferde (23 und 21 Jahre) zeigten Leistungsintoleranz, Gewichtsverlust, Polyphagie, Anhidrosis, Ta- chykardie und Widersetzlichkeit. Die innere Körpertemperatur war normal, doch bestanden in Ruhe eine erhöhte Atmungs- S25 © Schattauer 2010 Tierärztliche Praxis Supplement 1/2010 For personal or educational use only. No other uses without permission. All rights reserved. Downloaded from www.tieraerztliche-praxis.de on 2012-11-20 | IP: 84.135.1.224