PRAXIS Beratungspraxis in der TA Karen Kastenhofer, Anja Bauer, Leo Capari, Daniela Fuchs, André Gazsó, Michael Nentwich, Walter Peissl, Tanja Sinozic, Mahshid Sotoudeh, Institut für Technikfolgen-Abschätzung, Apostelgasse 23, 1030 Wien (kkast@oeaw.ac.at), orcid.org/0000-0001-5843-6489 Wie sieht gute wissenschaftliche Politikberatung in der Technik- folgenabschätzung aus? Welchen Qualitätskriterien soll sie ge- nügen? Welchen Erfolgsbedingungen unterliegt sie? Im Gegen- satz zu Praktiken der Grundlagenforschung, denen sich Tech- nikfolgenabschätzerInnen in ihrer täglichen Arbeit ebenfalls bedienen, stehen für Praktiken der Politik- und Gesellschafts- beratung kaum allgemeine Güte- und Erfolgskriterien oder auch formalisierte Qualitätssicherungssysteme zur Verfügung. Zu- dem haben sich die oft impliziten und auch widersprüchlichen Ansprüche an politische Beratungs- und Entscheidungsfindungs- prozesse seit der ersten Institutionalisierung von Technikfolgen- abschätzung (TA) vor rund 50 Jahren verändert. Auch die Be- deutung von allgemeinen Kriterien wie Expertise, Transparenz, Inklusion oder Neutralität ist ständigem Wandel und situativer Neubestimmung unterworfen. Zwischen 2016 und 2018 führte das Institut für Technikfol- gen-Abschätzung in Wien (ITA) das interne Projekt „Pol[ITA] – Policy Advice at ITA“ durch, das sich diesen Herausforderungen mit einem empirisch-analytischen Ansatz widmete. Ziel war es, die oft unausgesprochenen individuellen Qualitätskriterien gu- ter Beratungspraxis sowie das Rollenverständnis von TA in Hin- blick auf Politik und Öffentlichkeit zu rekonstruieren wie auch Erfahrungen zu sammeln, wann Beratung unter welchen Voraus- setzungen gut funktioniert. Methodisch greift das Projekt auf Li- teraturrecherche und eine neu erstellte, institutsinterne Daten- bank zurück, die alle bisherigen Projekte des ITA mit Metadaten erfasst. Zudem widmeten sich 36 leitfadengestützte Interviews mit allen ITA-PraktikerInnen sowie externen Kooperationspart- nerInnen und AuftraggeberInnen den subjektiven Einschätzun- gen und individuellen Projekterfahrungen. Die Ergebnisse richten sich einerseits an das ITA selbst, das die eigene Organisation und Praxis reflektiert und weiterentwi- ckelt; andererseits verstehen sie sich auch als Diskussionsange- bot an die internationale TA-Gemeinschaft und werden dement- sprechend in Fachzeitschriften kommuniziert. Die Datenbank liefert einen Überblick über den Bestand und die historische Entwicklung bestimmter Projektqualitäten (am ITA): die Eta- blierung von Stakeholder- und Laienbeteiligung um 1996 bzw. 2006, eine Verschiebung des Fokus von umfassender TA hin zu themenfokussierter TA, die über die Einzelprojekte hinweg ent- wickelte Themenvielfalt oder auch die Entwicklung des Spek- trums an Auftraggebern. Aus den Interviews lassen sich zudem bestimmte subjektive Aspekte rekonstruieren. Dazu zählen die impliziten Vorstellun- gen, welche Rollen TA und TA-PraktikerInnen innerhalb von Gesellschaft und Politik einnehmen bzw. einnehmen sollen, in- klusive der diesem Rollenverständnis zugrundeliegenden Kon- zeptionen des Verhältnisses von Wissenschaft und Politik. Die empirische Analyse kommt letztlich zu einem spezifischen Re- pertoire an möglichen Rollen: dem decisionist advisor, dem de- liberative practitioner, dem governance facilitator, dem enga- ged academic sowie dem agenda-setter (Kastenhofer und Bauer 2017; Bauer und Kastenhofer under rev.). Eine weitere Rollen- option, der issue advocate, dient der abgrenzenden Darstellung. In ihrer Diversität und ihrer Bindung an bestimmte Projektkon- stellationen stehen diese Rollen für die situative Bedingtheit der Praxis von TA, wie auch für eine je unterschiedliche Integration von Kernprinzipien der TA. Eine zweite Serie an Interviews fokussierte auf bestimmte „Projektschienen“, also TA-Ansätze und Projektkonstellatio- nen, die sich über mehrere Projekte hinweg stabilisierten, und widmete sich den subjektiven Qualitätskriterien, wahrgenom- menen Schwierigkeiten und Bedingungen für gelingende Bera- tungspraxis. Zur Sprache kommen hier institutionelle Allein- stellungsmerkmale, fachliche und interdisziplinäre Kompetenz, Neutralität, Unabhängigkeit, Sensibilität gegenüber Instrumen- talisierungsversuchen, eine Früherkennungsfunktion und Be- wusstseinsbildungsauftrag, klare Kommunikation und Anwend- barkeit der Ergebnisse, wechselseitiges Lernen, Vermitteln und Vernetzen und letztlich auch ein (oft diffus bleibender) Wunsch nach politischem Impact. Dass diese Aspekte einander teils wechselseitig bedingen, teils aber auch in Konflikt stehen kön- nen, liegt auf der Hand. Literatur Kastenhofer, Karen; Bauer, Anja (2017): Science-based policy advice in TA. Implicit paradigms, professional ethos and bones of contention. 3 rd European TA Conference, Cork/Ireland, 16.05.2017. Bauer, Anja; Kastenhofer, Karen (under rev.): Policy advice in technology assess- ment. Shifting roles, principles and boundaries. Submitted to Technological Forecasting& Social Change. 80 AUS DEM NETZWERK TA 27/1 (2018)