Radiologe 2007 · 47:123–136
DOI 10.1007/s00117-007-1472-1
Online publiziert: 26. Januar 2007
© Springer Medizin Verlag 2007
C. Hannig
1
· A. Wuttge-Hannig
2
· E. Rummeny
1
1
Institut für Röntgendiagnostik, Klinikum rechts der
Isar der Technischen Universität München
2
Gemeinschaftspraxis für Radiologie, Nuklearmedizin und Strahlentherapie,
Dres. Wuttge-Hannig-Münch-Schepp-Sindelar, München
Motilitätsstörungen
des Ösophagus
Leitthema
Die Anatomie der oberen Speisewege
ist wegen der engen funktionellen
Verknüpfung zwischen Mundhöhle,
Pharynx, Ösophagus und Magen so-
wie der Interaktionen zu den oberen
Atemwegen ein komplexes System.
Eine der Folgen des wachsenden kli-
nischen Interesses an der Dyspha-
gie ist die Wiederbelebung der ana-
tomischen Studien über den Pha-
rynx und Ösophagus[10, 17]. Eine be-
sondere Bedeutung nimmt hierbei
die Röntgenmorphologie des oberen
Schluckweges ein [13, 54].
Anatomie und Physiologie
Anatomie des Ösophagus
Zwei grundlegende systematische Arbei-
ten über die Anatomie des Pharynx und
Ösophagus stammen aus den Jahren 1956
[9] und 1986 [10]. In der anatomischen Li-
teratur sind die Angaben über den mus-
kulären Aufbau des pharyngoösopha-
gealen Übergangs und insbesondere des
proximalen Ösophagus bzgl. ihrer musku-
lären Textur sehr unscharf und z. T. auch
kontrovers [18, 32]. Die Arbeit von Du-
ranceau et al. [18] gilt auch heute noch als
Standard bzgl. der Verteilung von querge-
streifter und glatter Muskulatur im tubu-
lären Ösophagus. Der Anteil der glatten
Muskulatur nimmt linear mit der Distanz
vom Ringknorpel zu. Im Gegensatz zu an-
deren früher anerkannten anatomischen
Ansichten wird an der Trennung zwi-
schen innerer Ring- und äußerer Längs-
muskulatur festgehalten [30]. Die stren-
ge Trennung der Muskelschichten in ei-
ne äußere Längs- und eine innere Ring-
muskulatur ist in der Literatur verein-
zelt angezweifelt worden. Sie wird von ei-
nigen Autoren als postmortales Artefakt
angesehen [26]. Nach dieser Theorie be-
ginnen die Muskelfasern der Muscularis
propria in Längsrichtung im äußeren Teil
der Wand, um sich dann zum Lumen hin
schraubenförmig schräg zu stellen. Diese
Schrägstellung erfolgt apolar, also in bei-
de mögliche Drehrichtungen, sodass ein
Netzwerk ausgebildet wird. Nach Kauff-
mann et al. [26] verdichtet sich dieses Fa-
sernetz im distalen Ösophagus, bildet den
unteren Ösophagussphinkter und strahlt
in die Magenfornix ein. Andere Autoren
[29, 30, 31] halten an der Trennung zwi-
schen Ring- und Längsmuskulatur fest.
Hierbei soll die Boluspropulsion mittels
einer spangenförmigen Kontraktion der
Ringmuskelschichten erfolgen. Die Er-
gebnisse einer in Zusammenarbeit mit
Liebermann-Meffert et al. erstellten ana-
tomisch-histologischen Studie unterstüt-
zen diese Theorie.
Direkt distal des Ringknorpelunter-
randes war hier ausschließlich Skelettmus-
kulatur nachzuweisen. Weitere Schnitte
distal davon sind in . Abb. 1 sowie eine
schematische Darstellung der Verteilung
der glatten und quergestreiften Muskula-
tur in . Abb. 2 wiedergegeben. Zehn cm
unterhalb des oberen Ösophagussphink-
ters war keine Skelettmuskulatur mehr
nachweisbar (das entspricht in etwa der
Höhe der Karina).
Diese exakte anatomische Zuordnung
der histologischen Verteilung der Muskel-
fasertypen ist insofern von klinischem In-
teresse, als sie ein unterschiedliches An-
sprechen auf Pharmaka, wie z. B. Busco-
pan, zeigen.
Der Anteil der glatten Muskulatur
nimmt linear mit der Distanz vom obe-
ren Ösophagussphinkter zu [18].
Innervation des Ösophagus
Der Ösophagus wird durch Afferenzen
aus dem N. vagus innerviert. Die ösopha-
Abb. 1 7 Längsschnitt
8 cm unterhalb des
oberen Ösophaguss-
phinkters. Es finden
sich glatte und querge-
streifte Muskelfasern
im Verhältnis 1:1
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