Milosz, Czeslaw: Das lyrische Werk Matthias Freise Sprache polnisch Hauptgattung Lyrik Untergattung Gedicht Das lyrische Werk des Autors umspannt sieben Jahrzehnte und damit mehrere literarische Epo- chen. Miłosz' Stil und dichterische Aussage hat sich über diesen Zeitraum gewandelt, ohne dass man sagen könnte, er habe sich dichterischen Moden angepasst vielmehr hat er jede neue Epoche entscheidend mit angestoßen. Drei As- pekte seiner Diktion und Aussage blieben aber konstant: erstens die Beobachtung konkreter Din- ge und die damit verbundene nicht schwärmeri- sche, sondern intellektuell kontrollierte Begeiste- rung für die Vielfalt und die sinnliche Präsenz der Schöpfung, zweitens das Herstellen kultur- geschichtlicher Bezüge und drittens das Faible für Metaphysiker wie Blake, Böhme, Swe- denborg oder seinen Verwandten, den spätsym- bolistischen französischen Dichter Oskar Miłosz. Nicht das sprachliche Experiment oder die kühne Metapher, sondern die Präzision der Wahr- nehmung und die Tiefe der Reexion prägen Miłosz' Lyrik. Wie er metaphysische Reexion und Präsenz des sinnlich Wahrgenommenen auf einen Nenner bringt, zeigt sich deutlich z. B. an dem von ihm immer wieder verwendeten Motiv der Wolken. Sie symbolisieren in unterschiedli- chen Kontexten von Obłoki, 1935 (Wolken) bis zu PO, 1999 (NACH) die Verknüpfung von körperlich greifbarer Natur und ungreifbarer Me- taphysik. Die 1930er Jahre standen in Polen im Zeichen der Zweiten Avantgarde, in der die avantgardis- tische Entfesselung der Sprache mit philosophi- scher Reexion und düsteren Visionen unterfüt- tert wurde. Diese auch als Katastrophismus titulierte Dichtung fand in Miłosz einen repräsen- tativen Vertreter. Sein erster Gedichtband Poemat o czasie zastygłym, 1933 (Poem von der erstarrten Zeit), leidet zwar, wie der Dichter selbst später festgestellt hat, unter sozialkritischen Verall- gemeinerungen. Die im Titel angekündigte Ver- bindung von Zeit und Präsenz befähigte jedoch schon den jungen Dichter zu jener strukturellen Wahrnehmung (Ich schaue und horche, um die Formen zu ersinnen, die der Zeit meiner Söhne würdig sind), die Visionen wie Vielleicht bren- nen in einigen Jahren die Städte von Rhein bis zur Wolgamöglich gemacht hat (beide Zitate aus Dysk, Diskus). Der in das Donnern der Was- serfälle der Zukunftgeschleuderte Diskus sollte bis ins 21. Jh. iegen. Von Trag weiter, Erde, deine hinfälligen Städte(Zakończenie, 1933, Schluss) bis zu Ich vermochte eure leicht brenn- Ursprünglich veröffentlicht unter © J.B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung und Carl Ernst Poeschel Verlag GmbH M. Freise (*) © Springer-Verlag GmbH Deutschland, ein Teil von Springer Nature 2020 H. L. Arnold (Hrsg.), Kindlers Literatur Lexikon (KLL), https://doi.org/10.1007/978-3-476-05728-0_13903-1 1