Urologe 2008 · 47:149–154
DOI 10.1007/s00120-007-1609-x
Online publiziert: 12. Januar 2008
© Springer Medizin Verlag 2008
M. Oelke
1
· M.C. Michel
2
· K. Höfner
3
1
Klinik für Urologie, Academisch Medisch Centrum, Universität von Amsterdam
2
Klinik für Pharmakologie & Pharmakotherapie, Academisch
Medisch Centrum, Universität von Amsterdam
3
Klinik für Urologie, Evangelisches Krankenhaus Oberhausen
Deutsche Leitlinien
zur Diagnostik des benignen
Prostatasyndroms
Was ist neu in 2007?
Leitthema
Leitlinien haben infolge neuer Studien-
erkenntnisse eine begrenzte Halbwerts-
zeit und sollten deshalb regelmäßig einer
Neubewertung unterzogen werden. Der
Arbeitskreis „Benigne Prostatahyperpla-
sie“ (BPH) der Deutschen Gesellschaft
für Urologie hat deshalb stellvertretend
für die DGU und den BDU die im Jahr
2002 erstellten und 2003 publizierten Leit-
linien der deutschen Urologen zur Diagnos-
tik des benignen Prostatasyndroms (BPS)
in den Jahren 2006 und 2007 aktualisiert
und modifiziert [3]. Die dritte Version der
Diagnostikleitlinien wird nach unabhän-
giger Beurteilung durch DGU und BDU
voraussichtlich im Jahr 2008 publiziert.
Die evidenzbasierte Neubewertung
der BPS-Diagnostik wurde von 11 Ex-
perten der Fachgebiete Urologie und kli-
nische Pharmakologie vorgenommen.
Die Grundlage der neuen Leitlinien zur
Diagnostik des BPS stellte die zweite Leit-
linienversion aus dem Jahr 2003 dar, die
durch publizierte Studien von Januar 2002
bis April 2007 aktualisiert und modifiziert
wurde. Die Literaturrecherche der medi-
zinischen Datenbank Medline/PubMed®
wurde durch Handrecherchen von Über-
sichtsartikeln, aktuellen Abstracts und be-
reits publizierte Leitlinien ergänzt.
Die neuen Leitlinien zur Diagnostik
des BPS richten sich an alle Ärzte, die Pa-
tienten über 40 Jahre und mit Symptomen
des unteren Harntraktes („lower urinary
tract symptoms“, LUTS), Prostatavergrö-
ßerung und/oder Blasenauslassobstruk-
tion behandeln. Die Fachkompetenz der
deutschen Urologen bei der Diagnostik
und Therapie des BPS soll deshalb auch
anderen Fachgruppen helfen, Patienten
mit den genannten Eigenschaften schnell,
zielgerichtet, evidenzbasiert und effizient
zu diagnostizieren und therapieren. Letzt-
endlich haben die Diagnostikleitlinien
auch den Anspruch, krankheitsbezogene
Komplikationen zu verhindern, Behand-
lungsmorbidität zu minimieren, die Le-
bensqualität des Patienten so schnell wie
möglich wiederherzustellen und Gelder
des Gesundheitssystems effektiv einzu-
setzen.
Wie auch schon in der ersten und zwei-
ten Version der Leitlinien zur Diagnostik
des BPS wurden Testverfahren zur obli-
gaten und fakultativen Anwendung emp-
fohlen (. Tab. 1). Dieser Artikel soll die
Veränderungen der neuen Diagnostikleit-
linien des BPS beschreiben und die Hin-
tergründe dieser Veränderungen erklären.
Im Vergleich zu den im Jahr 2003 publi-
zierten Leitlinien sind in der neuen Leitli-
nienversion die folgenden Veränderungen
vorgenommen worden:
F Differenzialdiagnostik des BPS,
F Beurteilung des Progressionsrisikos
und Identifikation von Risikoprofilen,
F Indikationen zur urodynamischen
Untersuchung,
F Sonographische Detrusordickenmes-
sung,
F Evidenzlevel und Empfehlungsgrad
der diagnostischen Tests,
F Beachtung internationaler Qualitäts-
standards von Leitlinien.
Differenzialdiagnostik des BPS
Der Patient sucht üblicherweise beim Arzt
Hilfe aufgrund von LUTS und nicht auf-
grund einer vergrößerten Prostata oder
Blasenauslassobstruktion [4]. Da LUTS
unspezifisch für eine Krankheit sind, d. h.
die gleichen oder ähnliche Symptome bei
der Harnspeicherung oder -entleerung bei
verschiedenartigen Krankheiten auftreten
können, ist primär eine zielgerichtete Un-
tersuchung hinsichtlich der Diagnose BPS
und die Abgrenzung von anderen Auslö-
sern notwendig. Es ist daher erforderlich,
die diagnostischen Schritte zu nennen,
um die Diagnose „BPS“ stellen zu kön-
nen. Alle bisher publizierten nationalen
oder internationalen Leitlinien zur Dia-
gnostik der BPH bzw. des BPS setzen je-
doch bereits die Diagnose BPS voraus und
nennen lediglich die notwendigen Unter-
suchungen, um den aktuellen Zustand des
Patienten mit BPS zu beurteilen [2, 8, 14].
Letztendlich sollen die in den anderen
nationalen und internationalen Leitlinien
erwähnten Untersuchungen dazu dienen,
das unkomplizierte vom komplizierten
BPS abzugrenzen (z. B. rezidivierende
Harnwegsinfektionen, Harnblasenkon-
kremente, Dilatation des oberen Harn-
traktes). Die australischen BPS-Leitlinien,
die mit öffentlichen Geldern großzügig fi-
nanziert und validiert wurden, gelten so-
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