1. Nachwuchsförderung in Sportvereinen Zur Quantifizierbarkeit der Qualität von Nachwuchsförderung „Qualität beschäftigt sich mit mehr als der Fra- ge, was wir wollen und was wir davon erreicht haben, Qualität erfasst auch die Frage, was ist wünschenswert“ (Emrich, 2003, S. 43; vertie- fend vgl. Emrich & Wadsack, 2005). So wird zwischen einer subjektiven, einer objektiven, einer normativen und einer instrumentellen Di- mension von Qualität unterschieden (ebd., s. Abb. 1). Im Hinblick auf die oben genannte Fra- gestellung erscheint eine Zugrundelegung je- der dieser Dimensionen legitim. Vorbildliche Talentförderung in Sportvereinen kann also als eine Förderung aufgefasst werden, die von den Leistungsempfängern – sprich: von den Talen- ten, Trainern 1 , Eltern – als solche bewertet wird (subjektive Dimension), die von lizenzierten Trainern und Übungsleitern durchgeführt wird (objektive Dimension), die als hochwertig er- achtet wird (normative Dimension) und/oder die den gewünschten Ertrag realisiert, die nämlich junge Nachwuchssportler so fördert, dass aus ihnen erfolgreiche Spitzenathleten werden (instrumentelle Dimension). Die Aus- prägungen der Qualitätsdimensionen in Sport- vereinen können untereinander zusammen- hängen, müssen aber nicht ohne Weiteres übereinstimmen. Zwar gibt es sowohl seitens Sportorganisatio- nen (z.B. Verbände) als auch seitens mancher Vertreter der Sportwissenschaft eine Vielzahl von Darstellungen als funktional attribuierter Bedingungen von Sichtungs- und Förderungs- maßnahmen in Sportvereinen (Beispiel in Tab. 1). Empirische Studien liegen den beschriebe- IN EIGENER SACHE 37 LEISTUNGSSPORT 5/2005 Erik Anthes/Arne Güllich/Eike Emrich Talentförderung im Sportverein Teil 1: Vereins- und Mitgliederstruktur Normative Qualitätsdimension Aus idealtypischer Sicht optimale Bedingungen und Maßnahmen effektiver Talentförderung, z.B. in Form von programmatischen Vorgaben der Sportverbände. Inwieweit entspricht die Talentförderung im Sportverein einem normativ gesetzten Idealtypus? Objektive Qualitätsdimension Objektiv feststellbare Qualifikationen der Trainer, Übungsleiter und Betreuer, z.B. zu erfassen in Form von Lizenzen, die von den jeweiligen Ausbildern erworben wurden. Inwieweit werden die Leistungen des Vereins in der Talentförderung lege artis erbracht? Instrumentelle Qualitätsdimension Effektivität der Talentförderung im Sportverein im Hinblick auf ihren beabsichtigten Zweck. Inwieweit tragen die Maßnahmen im Sport- verein zu Spitzensporterfolgen der geförderten Talente bei? Subjektive Qualitätsdimension Subjektive Meinung von Talenten, Übungsleitern/Trainern, Eltern im Verein, ob und inwiefern der Sportverein optimale Talentförderung betreibt. Wie erleben junge Sportler, Übungsleiter/ Trainer, Eltern die Talentförderung in einem Sportverein? ABB. 1 Dimensionen des Qualitätsbegriffs Dimensionen des Qualitätsbegriffs – übertragen auf den Bereich der Talentförderung in Sportvereinen (zur Mehrdimensionalität des Qualitätsbegriffs vgl. Emrich, 2003, S.43) Sportvereine werden in der Bundesrepu- blik Deutschland im Rahmen sportlicher Nachwuchsförderungskonzepte als Basisteil einer umfassenden Produktions- kooperative Spitzensport angesehen, welche in ihrer Gesamtheit gewährleis- ten sollen, dass dem leistungssportlichen Nachwuchs möglichst optimale Bedin- gungen zur Entwicklung der sportlichen Leistungsfähigkeit geboten werden (zur Organisationsstruktur vgl. Emrich & Gül- lich, 2005). Die autonomen Vereine bil- den somit die Grundlage bzw. die „Keim- zelle des Nachwuchs-Leistungssports“ (DSB, 2001 3 , S. 23). Ihnen wird in der Nachwuchsförderung in erster Linie das Segment der Talentsuche und anfängli- chen Talentförderung als Aufgabe zuge- schrieben, also Kinder und Jugendliche in das System des Sports einzubinden und an den Wettkampfsport heranzu- führen. Anregungen oder „Anleitungen“ für die Durchführung solcher Sichtungs- und Förderungsmaßnahmen erhalten die Vereine u. a. von Landes- und Spit- zenverbänden, die im Rahmen diverser Konzepte mit z. T. wissenschaftlicher Un- terstützung festgelegt haben, wie Nach- wuchsförderung (idealtypisch) aussehen sollte. Dabei bedient man sich techno- kratischer Programme in Form von Kon- zepten etc., wobei die Entscheidung der Vereine, inwieweit man sich an diesen orientiert, in hohem Maße vom Verhältnis von Entscheidungsautonomie zu Koope- rationskosten bestimmt wird. Dabei gilt es zu bedenken, dass es sich bei Sportvereinen um höchst heterogene soziale Gebilde handelt, z.B. hinsichtlich der Größe der Organisation (gemessen über die Mitgliederanzahl), des Alters und der Abteilungszahl. Zu diesen rein „äußerlichen“ Verschiedenheiten kom- men Unterschiede im Hinblick auf die Mitgliederstruktur, wie z. B. die absolute Anzahl oder den relativen Anteil von Kin- dern und Jugendlichen an der Gesamt- mitgliederzahl im betreffenden Verein. Emrich, Pitsch und Papathanassiou stel- len fest, dass sich Sportvereine – unab- hängig davon, wie groß, alt und abtei- lungsspezifisch ausdifferenziert sie sind – zum größten Teil „mit steten Einnahmen, die autonom bestimmbar sind und zu mehr als der Hälfte aus internen Quellen stammen“, finanzieren (2001, S. 24; vgl. auch Emrich & Pitsch, 2004). Da vermutet werden kann, dass strukturspezifisch der- art unterschiedliche Organisationen auch in unterschiedlichem Maße leistungsfähig sein können, ggf. auch im Bereich der Talentförderung, stellt sich die Frage: Besteht zwischen der Vereins- und Mitgliederstruktur und der Qualität der Talentförderung in den Organisatio- nen ein systematischer Zusammenhang? Der vorliegende Artikel fasst eine diesbe- zügliche Vereinsstudie in wesentlichen Punkten zusammen (vgl. Anthes, 2004). Eingegangen: 5.8.2005 1 Verbum hoc „si quis“ tam masculos quam feminas completitur (corpus iuris civilis).