W alter P ohl Sprache und Identität: Einleitung Dass jedes Volk seine Sprache hat, scheint aus dem Blickwinkel unserer Kultur zunächst selbstver- ständlich. Seit der Antike gilt Sprache als ein, ja zuweilen als das Defnitionsmerkmal des Volkes: „Der Inbegriff von Menschen, welche dieselbe Sprache reden“. 1 Der moderne Nationalismus ging noch weiter und hat in der Sprache den Ausdruck der innersten ‚Seele‘ eines Volkes gesehen; oft wurde davon ein politischer Auftrag abgeleitet. 2 „Soweit die deutsche Zunge reicht“, so Ernst Moritz Arndt 1813, sollte „ganz Deutschland“ geeint werden. 3 Dementspechend war und ist die Durchsetzung und einheitliche Lehre der Nationalsprache, oft genug auch die Unterdrückung anderer auf dem Territori- um eines Nationalstaates gesprochener Sprachen ein zentrales Anliegen vieler europäischer National- bewegungen. 4 Im Europa des 21. Jahrhunderts werden Baskisch, Katalanisch, Irisch, Walisisch, Kor- sisch als unverzichtbare Wesensmerkmale ‚unterdrückter‘ Nationen propagiert, selbst dort, wo kaum jemand sie als Muttersprache spricht. Auch wo nationale Einheitlichkeit nicht gewaltsam angestrebt wird, kann der Sprachenstreit zu politischer Lähmung führen, so bei den Bemühungen, Belgien schrittweise sprachlich aufzugliedern. Die Debatte um ein paar zweisprachige Ortstafeln mehr oder weniger wurde noch im 21. Jahrhundert in Kärnten von führenden Politikern populistisch angeheizt. Nach zwei Jahrhunderten nationaler Sprachpolitik wird deutlich, dass der Traum von der sprachlich und ethnisch einheitlichen Nation nicht realisierbar ist. Nicht einmal die alten Nationen Westeuropas, England, Frankreich und Spanien, sind frei von Widerständen gegen die nationale Einheitssprache; im Gegenteil, diese verliert eher an Boden. Auch kleine Nationen wie die Schweiz, Belgien oder Finnland sind mehrsprachig, während Sprachen wie Deutsch, Französisch, Englisch oder Niederländisch in mehreren Nationen als Mehrheitssprache gesprochen werden. Sprache und nationale Identität sind also selbst mit großem politischem Aufwand und in langen Zeiträumen nicht zur Deckung zu bringen, so ließe sich die bisherige Erfahrung der europäischen Moderne zusammenfassen. Freilich, die moderne Nation ist letztlich territorial und nicht notwendiger Weise ethnisch begrün- det. Die unüberbrückbare Differenz zwischen Sprache und nationaler Identität könnte auch daran lie- gen. Sollten wir daher die Identitätswirksamkeit der Sprache auf der Ebene der Ethnie suchen? 5 Aus dem modernen Befund ist diese Frage gar nicht so leicht zu beantworten, denn ethnische Gruppen sind in Europa, aber auch anderswo vom Prozess der Nationsbildung erfasst und in ihrer Rolle verän- dert worden: gleichgültig, ob sie selbst zur Nation wurden und nach Vereinheitlichung eines unwei- gerlich vielsprachigen Territoriums strebten, oder ob sie als Minderheit in einem fremden National- staat Halt an der Sprache suchten. Die Geschichte des Frühmittelalters hingegen gibt gute Vorausset- 1 Jakob Grimm, Reden bei der frankfurter Germanisten-Versammlung, in: ders., Auswahl aus den kleineren Schriften (Berlin 1871) 331–347, hier 331. Siehe dazu den Beitrag von Daniela Fruscione in diesem Band. 2 Patrick J. Geary, The Myth of Nations (Princeton 2002) 15–40; Joep Leerssen, National Thought in Europe. A Cultural History (Amsterdam 2006) 255–267. 3 Peter Alter, Nationalismus (Frankufurt am Main 1985) 65. 4 Eric J. Hobsbawm, Nationen und Nationalismus. Mythos und Realität seit 1780 (Frankfurt am Main 1991) 112–19 und 133–42, der aber auch die Grenzen des Sprachnationalismus aufzeigt. 5 Viele anthropologische und soziologischen Untersuchungen über Ethnizität, die an heutigen Ethnien angestellt werden (etwa den vielen Minderheiten in den USA), gehen daher von einer prinzipiellen Unterscheidung von Nation (als Gemeinschaft der Staatsbürger) und Ethnie (als, zumindest subjektiv empfundene, Abstammungsgemeinschaft) aus; siehe etwa Ethnicity – Theory and Experience, ed. Nathan Glazer/Daniel P. Moynihan (Cambridge, Mass./London, 1975); Thomas H. Eriksen, Ethnicity and Nationalism: Anthropological Perspectives (London 1993); Ethnic Identity. Creation, Confict and Accommodation, ed. Lola Romanucci-Ross/ George A. de Vos (Walnut Creek/London 1995); Ethnicity, ed. John Hutchinson/Anthony D. Smith (Oxford/ New York 1996). Das vernachlässigt jedoch das hohe eth- Das vernachlässigt jedoch das hohe eth- nische Potential der Nationsbildung, siehe etwa Anthony D. Smith, The Ethnic Origins of Nations (London 1986).