Wiebke Loosen Entgrenzung des Journalismus: empirische Evidenzen ohne theoretische Basis? I. BEOBACHTUNGEN ZUR ENTGRENZUNG DES J OURNALISMUS Die systemtheoretische Journalismusforschung ist durch besonders intensiv geführte Diskurse zum Verhältnis von Theorie und Empirie geprägt. So steht seit Beginn der mittlerweile zahlreichen Versuche, die Systemtheorie für die Journalismusforschung fruchtbar zu machen, die Frage nach der Kompatibilität von (konstruktivistischer) Sys- temtheorie und deduktiv-nomologischen Methoden zur Diskussion (vgl. Loosen/ Scholl/Woelke 2002; Loosen 2004; Pörksen 2006: 104ff.). Parallel zu dieser virulenten Debatte zeichnet sich aber bereits ein neuer Aspekt zum Verhältnis von Theorie und Empirie ab, der das für die systemtheoretische Journalis- musforschung zentrale System-/Umwelt-Paradigma nachhaltig berührt. Denn während sich die systemtheoretische Journalismusforschung anfänglich vor allem um Grenzen und Differenzierung gekümmert hat, besteht ihr Arbeitsprogramm zunehmend – mehr oder weniger explizit – in der Auseinandersetzung mit so genannten Entgrenzungsphä- nomenen. Als Ausgangspunkt hierfür kann die Beobachtung gelten, dass Journalismus als fest umrissener, identifizierbarer Sinn- und Handlungszusammenhang deutlich an Konturen verliert und als Einheit kaum noch beschreib- und beobachtbar ist (vgl. Scholl/Weischenberg 1998: 273; Weischenberg 2001: 77; Loosen/Scholl 2002: 142). Dafür sind bisher eine Reihe von Indikatoren und verschiedene Dimensionen der Ent- grenzung bzw. Entdifferenzierung benannt worden, die meist auf ökonomische Ein- flüsse zurückgeführt werden (vgl. Weber 2000: 21ff.; Weischenberg 2001: 71; Loosen/ Scholl 2002). Sie verweisen auf systeminterne Entgrenzungen z. B. zwischen journalis- tischen Subsystemen oder zwischen Ressorts (vgl. Meier 2002; Neuberger 2004b: 97) sowie auf Entgrenzungen zwischen Journalismus und anderen Funktionssystemen, z. B. die Öffnung des Journalismus · gegenüber Public Relations im Sinne einer professionellen Entgrenzung; · gegenüber der Technik, die den Online-Journalismus und damit auch Entgrenzungen zwischen einzelnen Medientypen befördert; · gegenüber der Werbung, wobei die Grenze zum redaktionellen Teil und damit letzt- lich die Autonomie des Journalismus zur Disposition steht, und · gegenüber der Unterhaltung, die wiederum formale/inhaltliche Entgrenzungen und damit Hybridgenres wie Infotainment und Edutainment mit sich bringt. Publizistik, Heft 1, März 2007, 52. Jahrgang, S. 63–79 Dr. Wiebke Loosen ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Journalistik und Kommunika- tionswissenschaft der Universität Hamburg.