© wilhelm fink verlag, 2019 | doi:10.30965/9783846763599_005 Claudia Brittenham Tz’ib: die Malerei der Maya als Kulturtechnik Mit nur einem Wort, tz’ib, wurden die Mal- und Schreibakte der Maya- Urvölker in Mexiko, Guatemala, Honduras und Belize bezeichnet. Tz’ib wurde mittels eines in Tusche getauchten Pinsels erzeugt und war eine fundamentale Kulturtechnik der Maya-Gesellschaft des Altertums von ca. 100 bis 900 n. Chr. und darüber hinaus. Malerei muss in der Welt der Maya des Altertums üblich, wenn nicht gar allgegenwärtig gewesen sein. Jedoch haben nur Spuren der Tradition überlebt – hauptsächlich bemalte Keramik, Wandgemälde und die wenigen erhaltenen Bücher. In all ihren Kontexten war die Malerei der Maya eine zutiefst interaktive Technik. Der Malakt selbst war äußerst haptisch und im gestischen Schwung der kalligraphischen Linie wurde die eigene Machart betont. Aber was genauso wichtig ist – die Oberflächen, die bemalt wurden, waren alle dafür gemacht, gebraucht zu werden oder Medium der Interaktion zu sein. Es gibt keine Hinweise auf etwas wie die gerahmte Leinwand oder die hängende Rolle – kein isoliertes Format, um Malerei zu zeigen, die ausschließ- lich für passive Kontemplation gedacht war. In der Welt der Maya des Alter- tums war die Malerei nie abgetrennt vom Leben. 1 Die semantische Spannbreite von tz’ib Die Bedeutung von tz’ib zentriert sich um Mal- und Schreibakte, wobei der Prozess bezeichnet wird, wodurch diese unterschiedlichen Arten von Inhalt sichtbar gemacht werden können. Zwar hatten die Maya das Vokabular, um Worte (woh) von Bildern (baah) unterscheiden zu können, aber beide konn- ten durch tz’ib hervorgebracht werden.1 Ein Yucatec-Ausdruck des 16. Jahrhun- derts, der tz’ib enthält, bezog sich außerdem auf Zähl- oder Rechenakte – oder, um genauer zu sein, darauf, das Ergebnis solcher Aktivitäten mit einem Pinsel darzustellen.2 Tz’ib wird explizit dem Akt des Schnitzens (carving) entgegen- gesetzt, der sich wiederum auf die Herstellung von Bildern, Texten und Zahlen 1  Herring, Adam, Art and Writing in the Maya Cities, A. D. 600-800: A Poetics of Line, Cambridge: Cambridge University Press 2005, S. 75-76; was Begriffe des 16. Jahrhunderts betrifft, siehe Diccionario Maya Cordemex, vol. Ediciones Cordemex, hrsg. v. Alfredo Barrera Vásquez, Mérida, 1980, 1: S. 882-883, S. 923, S. 925. 2  Der Ausdruck lautet ts’ib u kuch yetel u woohil und wird ins Spanische als „cifrar“ übersetzt, Diccionario Maya Cordemex, 1: S. 882. 47-82_Schwarte_04-Brittenham.indd 47 2/12/2019 5:01:40 PM